Selbstversuch

Heute gibt es was Besonderes

Kolumnen | Doris Knecht  | aus FALTER 50/12 vom 12.12.2012

Es ist nicht nur Scott Matthew, der Wunderbare, mit seiner Gitarre und seinem Gitarrenkumpel im Phil, zwischen den Büchern und den Filmen und den Langspielplatten an der Wand. Es ist nicht nur Scott Matthew, wie er die traurigsten Liebeslieder auf die traurigstmögliche Weise singt und dazwischen Scherze macht und giggelt. Es ist nicht nur Scott Matthew, der gar kein trauriger Mensch ist, sondern ein glücklicher, freundlicher, ja übermütiger, der zufällig mit dem Talent gesegnet wurde, dass er traurige Lieder vielleicht am besten auf der Welt singen kann oder am drittbesten, und es deshalb eben macht. Es ist nicht nur das. Es ist alles, es ist das Phil als solches und die Leute darin und all die Literatur und die Musik und Kunst, von der man umgeben ist und die die Fähigkeit hat, all die Freundlichkeit und die Wärme zu reflektieren. Es ist gut an diesem Ort, in diesem Moment, es könnte gerade nicht besser sein. Es ist der perfekte Abend, einer, nach dem man um halb zwei Uhr früh im Jemand-sollte-hier-endlich-einmal-eine-neue-Glühbirne-einschrauben-Dunkeln im Frischwäschegebirge nach einer sauberen Pyjamahose wühlt und tatsächlich auf Anhieb eine findet. Das passiert sonst nie. Sonst findet man immer zuverlässig die Kinderstrumpfhosen, nach denen man in der Früh erfolglos gewühlt hatte. Und das passiert nur an einem Abend wie diesem, wo plötzlich die Vibes synchron flowen oder was weiß ich, und so ein Abend wirkt dann natürlich weiter.

Am nächsten Tag in der Früh parke ich mein Radl vor der Schreibwerkstatt, und diesmal winkt mir der alte Nachbar durch sein Fenster im Erdgeschoß nicht nur wie sonst immer etwas übermotiviert zu, diesmal hat er sich, vielleicht weil bald Weihnachten ist oder weil es eben der Tag nach so einem Abend ist, etwas Besonderes ausgedacht, diesmal winkt er nackt. Wie nett. Ich winke freundlich zurück, und dass ich mir nicht ebenfalls euphorisch die Kleider vom Leib reiße, sieht mir der Nachbar aufgrund der eisigen Temperaturen nach.

Dafür sehe ich dem Langen später, während er mir mit einem Armvoll feuchter Wäsche aus der Waschmaschine entgegenkommt, die Frage nach, was er damit machen soll. Hm. Warte, lass mich mal nachdenken. Weißt was, tu sie wieder in die Waschmaschine, ich kümmere mich dann um das Problem. Auch das bewirkt Scott Matthew: dass ich keinen Wutanfall kriege, weil der Lange so saudeppat fragt, um mir auf die allerbeschissenste Weise zu verstehen zu geben, ich solle gefälligst die Wäsche aufhängen und danach endlich seine Lieblingsjeans waschen, die schon seit heute früh vor der Maschine liegt. Und für deren Sauberwerdung ich zuständig bin, denn er ist für den Müllabtransport verantwortlich, was, wie ich meinerte, auch das Leergut einschlösse, das sich hinter dem Mülleimer und unter dem Regal stapelt, aber Scott Matthew, wie gesagt.

Eine neue Auswahl von Doris Knechts Kolumnen gibt es ab sofort in dem Band: "Man kriegt so viel zurück!“ (rororo, 252 S., € 9,30)


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