Tiere

Eisige Zeiten

Falters Zoo | aus FALTER 50/12 vom 12.12.2012

Peter Iwaniewicz bemerkt ein Zunehmen von Presseaussendungen zum Thema Eis

Schöne, helle, neonbeleuchtete Vergangenheit. Anfang der 1980er-Jahre waren Ölkrise und Bombast-Rock überwunden, die Wirtschaft schnurrte wieder und die Neue Deutsche Welle positionierte sich mit minimalistischen Spaßtexten: "Ich möchte ein Eisbär sein, am kalten Polar. Dann müsste ich nicht mehr schrein, alles wär so klar“, sang damals stilgebend die Schweizer Popgruppe Grauzone. In Konjunkturzeiten lässt es sich bekanntlich gut gegen die Kälte in der Gesellschaft ansingen, und nur "Eisbären müssen nie weinen“.

Doch drei Jahrzehnte später ist der Meeresspiegel um fast 1,5 Zentimeter angestiegen und die Polkappen sind dementsprechend abgeschmolzen. Das lässt die Eisbären zwar noch immer nicht weinen, aber dafür ertrinken. Die für sie auf ihren schwimmenden Wanderungen wichtigen Zwischenstationen, die Eisschollen, haben mittlerweile nur mehr Eiswürfelgröße.

Auch eine andere Lebensform ist durch mangelnde Kälte bedroht: Eisblumen. Eine Forscherin vom Institut für Festkörperphysik der Universität Hannover kritisierte unlängst die Mehrfachverglasung unserer Fenster, wodurch "der Lebensraum der Eisblume“ schwindet. Hoffnung besteht nur mehr in Rückzugsgebieten wie "Gewächshausverglasungen oder Autoscheiben“. Na ja, Autoscheiben gibt’s noch einige.

Wo ist es nur hin, das ganze Eis, fragen sich nicht nur Liebhaber des ebenso aussterbenden Zitrone-Eislutschkers? Die US-Weltraumbehörde Nasa hat nun überraschenderweise die Existenz von Eis auf dem Merkur nachgewiesen. Am Nordpol des Planeten soll die Eisdecke angeblich bis zu 20 Meter dick sein. Man bräuchte aber keine Angst vor merkurianischen Lebensformen haben, betonte in der gleichen Presseaussendung der Chefwissenschaftler Sean Solomon, denn ansonsten hätte es dort bis zu 426 Grad Celsius.

Aussterben wird durch die Klimaerwärmung auch eine schöne Redewendung. Dass einem "der Arsch auf Grundeis geht“, sagt man gerne in bedrohlichen Situationen. Das Sprachbild ist zwar sehr plastisch, aber die Bedeutung erschließt sich gewöhnlichen Landratten nicht sofort. Stehende Gewässer frieren an der Oberfläche zu. In Flüssen hingegen gibt es eine stete Durchmischung des Wassers und Eis bildet sich in langen Frostperioden an den ruhigsten Stellen, also am Grund. Wer dann noch mit dem Boot herumschippert, dessen Kiel sitzt dann möglicherweise auf Grundeis auf. Alles klar?

iwaniewicz@falter.at

zeichnung: püribauer.com


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