Kritik

Frierende Puppen, verwesende Spatzen

Lexikon | aus FALTER 50/12 vom 12.12.2012

Figurative Malerei, mithin Bilder, auf denen Figuren und Dinge zu erkennen sind, waren lange ein absolutes No-Go. Abstrakte Farben und Formen galten mehr. Das hat sich geändert, seit Maler wie Gerhard Richter oder Marlene Dumas ebenfalls Figuren malen, aber so, dass man allerhand hineininterpretieren kann, etwa Medienreflexion. Man nennt das dann Bilder über Bilder.

Der belgische Künstler Michaël Borremans kommt nun mit Bildern nach Wien, die diese Auseinandersetzung bereits hinter sich gelassen haben. Jene Maler gelten nicht mehr als unterbelichtet, die altmeisterliche Techniken anzuwenden wissen.

Borremans malt wie im späten 19. Jahrhundert, eine Art Salonmalerei mit einem Schuss Impressionismus. Seine Sujets sind Menschenfiguren, denen der Rumpf fehlt, sodass sie wie Automaten wirken. Manche liegen da wie aufgebahrte Tote, was in der Malerei immer schon eine perspektivische Herausforderung darstellte. Ein anderes Bild zeigt zwei ausgestopfte Vögel, ein weiteres Beispiel für das Spiel mit dem Belebten und dem Unbelebten, wie es die historische Gattung des Stilllebens zu treiben pflegte.

Man merkt den Bildern an, dass der Künstler sich mit Édouard Manet und James Ensor auskennt, dass er die plastische Wirkung von glänzendem Weiß und Schatten studiert hat. Diese Art der Malerei hat aber auch etwas Berechenbares. Ja, kleine Mädchen mit dem zur Wand gewandten Kopf wirken unheimlich. Und Automaten haben immer auch etwas Somnambules an sich. Die durchgängig kleinen Formate wiederum könnte man als Zeichen schüchterner Zurückhaltung interpretieren. Die Menschen frieren und die Spatzen verwesen: Man muss kein Old-School-Gegner figurativer Malerei sein, um hinter so viel raunendem Tiefsinn ein oberflächliches Kalkül zu vermuten. MD

Bawag Contemporary, bis 17.2.


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