Peter Konwitschny streckt die Faustwaffen im Grazer Schauspielhaus

Woche | Kritik: Hermann Götz | aus FALTER 51/12 vom 19.12.2012

Die Sensation liegt auf der Hand. Peter Konwitschny, gefeierter Regisseur zahlreicher Opernskandale, mit denen sich zum Teil auch Graz schmücken durfte, inszeniert Goethes "Faust“. Den ganzen. Es ist nach einem starken Grazer "König Lear“ erst seine zweite Sprechtheater-Arbeit. Wieder ist der grandios gelassene Udo Samel dabei: diesmal als meisterlicher Mephisto. Und wäre der deutsche Radiomacher Ahne hierzulande etwas bekannter, ließe auch diese Kollaboration aufhorchen. Ahnes "Zwiegespräche mit Gott“ haben in Deutschland Kultstatus, im Schauspielhaus bilden sie einen gelungenen Verfremdungseffekt - aber auch einen oft entbehrlichen Kommentar. Doch fangen wir von vorne an. Start um 19 Uhr. Da ist Konwitschnys vom Kopf zwischen die Beine gestellte Theaterwelt noch in Ordnung: Sensibel und selbstironisch nähert er sich dem Drama, dessen Geheimnis auch nach der verspäteten Freigabe des Guckkastens hinter einer zweiten Garnitur schwerer Vorhänge lauert (Ausstattung: Johannes Leiacker). Jan Thümer und Katharina Klar retten aus dem Reclam-Heftchen unserer Gymnasialzeit, was für die Bühne zu retten ist. So gelingt ein straffer "Faust I“, in dem nur Konwitschnys durch obligaten Bühnensex schlecht verdeckter Moralismus gut gemeint auffällt. Für den zweiten Teil gilt das nicht. Wer hätte gedacht, dass der Meisterregisseur das, was ihm "Faust II“ sagt, so selten auf den Punkt bringen würde? Seiner klassizistischen Metaphorik beraubt, gerät der Goethe’sche Bilderbogen zu einer Revue aus Seltsamkeiten und Selbstverständlichem. So verjüngt, lässt das Drama die Regie alt aussehen. F Schauspielhaus Graz, bis 6.2.


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