Enthusiasmuskolumne  Diesmal: die beste Korruption der Welt der Woche

In der ersten Klasse sitzen die Loser

Feuilleton | Matthias Dusini | aus FALTER 51/12 vom 19.12.2012

Demnächst läuft eine Vergünstigung aus, die die Österreichischen Bundesbahnen (ÖBB) Journalisten einräumten. Jeder Inhaber eines Presseausweises konnte eine Vorteilscard kaufen, mit der er - wie alle anderen auch - einen reduzierten Tarif bekam. Darüber hinaus aber hatte er das Recht, in den Waggons der ersten Klasse zu reisen.

Die meisten sehen in der Entscheidung des ÖBB-Managements einen Akt der Korruptionsbekämpfung. Journalisten werden nun die Zugverspätungen objektiv betrachten und die Immobiliengeschäfte des Unternehmens genau verfolgen. Anders als nach von Theatern und Museen, Kosmetikfirmen und Autokonzernen finanzierten "Dienstreisen“ werden sie nun abseits angefütterter Sympathie über das staatliche Verkehrsunternehmen urteilen.

Nur ganz wenige stimmt dieser Verlust traurig - und zwar jene, deren Geben-und-Nehmen-Bilanz insgesamt nicht so positiv aussieht. Sie dürfen sich zwar Journalisten nennen, werden von ihren Unternehmen aber wie niedere Dienstleister behandelt. Als Contentknechte befüllen sie Medienformate, opfern ihre besten Arbeitsjahre, ohne angemessen dafür entlohnt zu werden. Nur manchmal, auf Reisen nach Graz oder St. Pölten, hatte das Medienprekariat das Gefühl, einem bürgerlichen Beruf nachzugehen.

Die Classic-Pressekarte war der Versuch, das Gesetz der sozialen Reziprozität, also die Symmetrie zwischen Geben und Nehmen, wiederherzustellen. Ein Dankeschön des Staates für den Dienst an der Wahrheit.

Adieu, kunstlederüberzogene ÖBB-Sessel! Ciao, respektvoller Schaffnerblick! Auf Wiedersehen, Sozialstaat, der seinen Mitgliedern einen gerechten Tausch zwischen Arbeit und Selbstachtung versprach! ÖBB-Zuckerl, du wirst mir fehlen!


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