Gehst du zum "Mathis“ vom Hindemith, bring Ohren und gutes Sitzfleisch mit

Feuilleton | Opernkritik: Heinz Rögl | aus FALTER 51/12 vom 19.12.2012

Paul Hindemith, während der Weimarer Jahre durchaus ein Revoluzzer, galt den Nationalsozialisten als "atonaler Geräuschemacher“. In seiner Oper "Mathis der Maler“ geht es um den Renaissancemaler Matthias Grünewald, aber auch um eine Zeitdiagnose und die Verpflichtung eines Künstlers, autoritärer Herrschaft, Folter und Verfolgung nicht tatenlos zuzusehen.

Mathis verhilft in der ersten Szene einem Bauernführer zur Flucht, quittiert seinen Dienst beim Herzog und Erzbischof von Mainz und schließt sich den Aufständischen an, wendet sich - empört über deren Lynchjustiz - auch wieder ab. Der mörderisch lange Gesangspart des Titelhelden wird von Wolfgang Koch, der im nächsten Jahr in Frank Castorfs "Ring“-Inszenierung für Bayreuth den Wotan gibt, auf beeindruckende Weise bewältigt.

Die Crux der Aufführung ist das Bühnenbild: ein monumentales, drehbühnenbewegtes Kruzifix, das bei Bedarf auch zerlegt werden und blutrot aufleuchten kann. Immerhin gelingt es Regisseur Keith Warner, die Sänger samt Chor immer routiniert um das Kreuz zu gruppieren.

Positiv hervorzuheben: Die Anspielungen aufs NS-Regime, das die Aufführung seinerzeit untersagte, weil der Graf von Brandenburg (grandios: Kurt Streit) als freigeistiger Freund der Künste einer Bücherverbrennung nur zähneknirschend zustimmt, werden nicht noch penetrant hervorgehoben. Die Protestanten in ihren schwarzen Mänteln könnten auch für eine andere verfolgte religiöse Minderheit stehen (Juden, Hugenotten, Hussiten).

Was heute indes irritiert, ist das bisweilen nur noch schwer erträgliche Pathos des ebenfalls von Hindemith besorgten Librettos. Und auch der ebenfalls auf Läuterung drängenden und mit barocker Polyfonie durchsetzten Musik gelingt es nicht, die Überlänge des Werks vergessen zu machen, sodass dem Zuhörer die dreidreiviertel Stunden mitunter schon sehr lang werden.

Nächste Aufführungen: 23. und 28.12., 19 Uhr, Theater an der Wien


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