Phettbergs Predigtdienst

Die Jeans des Buchverkäufers, Teil II

Kolumnen | aus FALTER 51/12 vom 19.12.2012

Korrektur! Korrektur! Die Säzzerin oder der Säzzer haben aus meinem sich an die Hosenbeule greifenden Vornehmstadtbuchhandlungsverkäufer einen Vorstadtbuchhandlungsverkäufer gemacht. Natürlich ist dieser so delikat wie jener, aber ein Verkäufer in einem "vornehmen“ Geschäft, der bewusst versaute Jeans anhat, ist, subversiv und libertär betrachtet, der größere Gewinn, Hermes grüßt.

VI. Nicht einmal zärtlich anlächeln kann ich ihn, wenn er mir das Sackerl mit dem Taschenbuch übergibt. Höchstens unverbindlich-geschäftig-höflich ein freundliches Lächeln übers Gesicht huschen lassen. Das ist die Wahrheit über unsere Gesellschaft. Wer kann helfen?

VII. Der Liebereiz und die Geilheit "meines“ Buchhändlers sind in den Augen. Sie wissen, was die knappen Bluejeans signalisieren. Irgendwie schämen sie sich auf eine verschämte Art und Weise ein bisschen, und irgendwie stehen sie irrsinnig da drauf: "Schau, du geile Sau: Ich bin auch eine!“ Ich vermute, als dieser Denkakt das erste Mal stattfand, wurden seine Augen so schön. Wer kann helfen?

VIII. Die edlen Gedanken, der Trotz gegen das Berechnete und das Etablierte und die gewisse Ausweglosigkeit. Wer weiß, ob dieser junge Buchverkäufer in Wiens Innenstadt schon einmal seinen Schwanz in den anbehaltenen, ungeöffneten Jeans so lange gewichst hat, bis er in die Hose hinein abspritzte und frau (man) ihn, den kalten Bauer als stattlichen Wichsfleck wie eine stolze Standarte vor sich einhertragend, also dergestalt prächtig geschmückt durch die Straßen gehen sehen konnte? Wer weiß da was?

XII. Das andauernde Tragen seiner Bluejeans durch das Objekt meiner Begierde, das reizvollste Sujet Wiens, entwickelt gleichsam zwischen seiner Haut (was für ein Ort!) und dem derben Stoff eine weitestgehende Vereinigung. Die Betrachtung dieser Berührung erfüllt mich mit unendlicher Sinnlichkeit! Beruhigungsmittel an Hermes.

(Wöchentliche Kleinanzeigen im Falter 1988-90.)

Auszüge aus dem kürzlich erschienenen Band: Hermes Phettberg: "Alles Erschleckliche. Ausgewählte Texte“ (Sensationsverlag, 2012). Der Erlös der Vorzugsaugabe geht an Hermes Phettberg, erhältlich hier: www.maxboehme.com/sensationsverlag


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