Selbstversuch

Leben und Kunst und umgekehrt

Kolumnen | Doris Knecht  | aus FALTER 51/12 vom 19.12.2012

Endlich wieder einmal Berlin. Eigentlich ist man dort, um einen höheren, runden Geburtstag eines alten Bekannten sehr schön zu feiern. Allerdings macht man den Fehler, bereits einen Tag früher anzureisen und bei dieser Gelegenheit wieder einmal Sedlacek zu treffen. Also, Fehler nur insofern, als man beim eigentlichen Anlass sehr müde ist, weil man Sedlacek abends zuvor erst um elf im Grill Royal begrüßt hat. Immerhin ist man, als man gegen vier Uhr früh ins Hotelbett fällt, noch luzide genug, um dem daheimgebliebenen Langen eine SMS zu schicken, dass er bloß nicht vergessen solle, den Mimis die Eislaufschuhe für die Schule einzupacken. Was einerseits beweisen soll, dass man, egal wo, in Gedanken stets bei der geliebten Familie ist, andererseits aber zu Verdächtigungen langerseits führt, weil was hat man so lange mit Sedlacek gemacht? Rotwein getrunken und wieder einmal ein richtig gutes Gespräch geführt, also, nachdem man zuerst etwa eine halbe Stunde lang den ganzen Müll aus Sedlacek rausgeschüttelt hat, wegen dem man ihn alle paar Wochen auf Facebook verbirgt, weil er einfach im Kopf nicht auszuhalten ist.

Aber erstens hatte er diesmal einen relevanten Grund dafür, merkwürdig drauf zu sein, und zweitens wusste ich dann wieder, wieso ich so lange mit Sedlacek befreundet war und es immer noch bin. Weil ich so spezielle Leute wie ihn in meinem Leben einfach brauche, und als ich andernabends auf besagtem Geburtstagsfest aus unfreien Stücken eine uralte Kolumne vorlas, in der es darum ging, warum es so dringend so spezieller Menschen wie des Gefeierten, Sedlaceks und der Rolling Stones bedarf, imitierten einander Leben und Kunst und umgekehrt wieder einmal auf das Irritierendste.

Als ich am nächsten Nachmittag ermattet wieder heimkam, konnte ich nur noch mit den Mimis fernsehen, was im Moment nicht einfach ist. Denn wenn derzeit im Hintergrund irgendeines Spots Klaviermusik gespielt wird, hält eins der Mimis sich mit schmerzverzerrtem Gesicht die Ohren zu: Es kann jetzt keine Klaviermusik hören. Das tut ihm in der Seele weh. Denn die erbarmungs- und kulturlosen Eltern des Kindes haben auf dessen nagelneue Idee, es wünsche nun das Klavierspiel zu erlernen, nicht umgehend mit einem Bösendorfer und Konservatoriumsstunden reagiert. (Das Kind wünscht sich viel, zuletzt einen eigenen Hochstand in der Wohnung.) Zur Unterstreichung der Ernsthaftigkeit seiner aktuellen Absicht hat es die entsetzliche alte Puuh-der-Bär-Baby-Orgel vom Dachboden geholt, die wir fatalerweise nicht schon längst ahnungslosen Kleinkindereltern untergejubelt haben, und spielt darauf so lange den Flohwalzer, bis wir schluchzend um Gnade winseln. Dann spielt es so lange "Stille Nacht“, bis wir mit der Absage von Weihnachten drohen, wenn es das jetzt nicht sofort lässt. Das wird ein schönes Fest. Und ein reizendes neues Jahr, garantiert.

Eine neue Auswahl der Kolumnen unserer Autorin gibt’s im Band: "Man kriegt so viel zurück!“ (rororo, 252 S., € 9,30); www.dorisknecht.com


Diese Artikel könnten Sie auch interessieren:


Anzeige

Anzeige