Gelesen Bücher, kurz besprochen

Urlaub im Entsorgungspark

Politik | aus FALTER 02/13 vom 09.01.2013

Sicherheitszone! Minuswachstum! Endlager! Die Sprache der Politiker ist voll von Begriffen, die die Wahrheit gezielt verwässern, verbiegen und verschleiern. Um einen staatlichen Mord gerechtfertigt erscheinen zu lassen, wird er sprachlich einfach umgedeutet zur "gezielten Tötung“.

Der Linguist Martin Haase und der Psychologe und Zeit-Redakteur Kai Biermann entlarven in ihrem Buch "Sprachlügen“ viele solcher Unworte des Politikbetriebs, die in den Medien viel zu oft unkritisch und unreflektiert übernommen werden.

So klingt zum Beispiel "Entsorgungspark“ ganz harmlos nach einem friedvollen Ort, umschreibt aber in Wirklichkeit eine Mülldeponie. Das vorliegende Werk liest sich wie ein Wörterbuch: von A wie "Atomruine“ über G wie "Gesundheitsprämie“ bis Z wie "zeitnah“. Oder P wie "Preisanpassung“: "Wenn Preise angepasst werden, sind sie auffälligerweise anschließend fast immer höher als zuvor. Die Preisanpassung ist also meist eine Preissteigerung. Aber Anpassung klingt natürlich besser.“

Bevor die Autoren all die manipulativen Worthülsen in Buchform bündelten, hatten sie Teile ihrer Spracherkundungen bereits auf der Internetseite neusprech.org frei zugänglich gemacht. 2011 räumten sie dafür den Grimme Online Award ab.

So pointiert wie Haase und Biermann ideologische Implikationen und Manipulationen erklären, schärfen sie auch auf unterhaltsame Art den sprachlichen Instinkt ihrer Leser. Denn: Zwischen dem, was Politiker sagen, und dem, was sie wirklich meinen, passt oftmals ein ganzes Endlager. "Sprachlügen“ ist eine Lektüre, die sich lohnt, vor allem auch mit Ausblick auf das Superwahljahr 2013.

Sebastian Huber

Kai Biermann, Martin Haase: Sprachlügen. Fischer, 234 S., € 10,30


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