Tiere

Leberwurst

Falters Zoo | aus FALTER 02/13 vom 09.01.2013

Wer hätte das gedacht: Das Ende der Welt ist vorbei und das neue Jahr sperrt wie gewohnt auf. Nach landesweiten Ferienabsenzen und Inventuren nimmt das Leben wieder seinen gewohnten Lauf: Manche arbeiten, andere schauen zu. Politiker machen auch etwas und Journalisten kommentieren dies. Wie wird das alles enden? Wird es überhaupt enden?

Der ehemalige WAZ-Chef Bodo Hombach schrieb dazu im Handelsblatt: "In der Krise mangelt es nicht an Schwarzsehern und Besserwissern. Apokalyptiker haben Hochkonjunktur.“

Da sich Wahrsagerei rationaler Begründung entzieht, arbeitet der Prophet mit divinatorischen Verfahren. Traditionellerweise bedient man sich dabei der Hieroskopie, der Deutung der inneren Organe von Opfertieren. Diese Praxis gewinnt gegenüber den fehleranfälligen Investmentprognosen wieder mehr an Bedeutung. Für die Leserschaft des Falter habe ich hier exklusiv einen Schnellkurs auf Basis bewährter babylonischer Weissagepraxis für das 21. Jahrhundert entwickelt:

Geeignete Tiere müssen makellos, einjährig und männlich sein. Vor großen Schlachten, bei Geburt von Herrschern und Börsenspekulationen opfert man Stiere. Lämmer, Schafe oder Ziegen nimmt man bei Hochzeiten und das Prekariat opfert Tauben. Reinigen Sie sich vor dem Ritual und verschließen Sie Ihre Ohren mit einem Tamariskenzweig (Obacht, Trommelfell!). Formulieren Sie Ihr Anliegen als Entscheidungsfrage und flüstern Sie diese dem Tier ins Ohr. Nach der Schächtung legen Sie den abgetrennten Kopf vor das Opfer und beginnen Sie die Inspektion der Eingeweide. Bewerten Sie Form und Anzahl der Gedärme, dann begutachten Sie Herz und Lunge, bevor Sie der Leber Ihre größte Aufmerksamkeit schenken. Diese wird im Uhrzeigersinn (mechanisches Gerät, keine Sand- oder Digitaluhren) inspiziert.

Ungewöhnliche Löcher in der Leber gelten als schlechtes Omen und auch die Lebensmittelbehörde rät vom Verzehr ab.

Als vegetarische Variante eignet sich die Kaffeedomantie, das Lesen im Kaffeesatz. Bei der gängigsten Methode wird der feuchte Kaffeesud auf die Untertasse gekippt und getrocknet. Nach der Trocknung deuten Sie die Muster, die sich beim Herablaufen des Satzes im inneren Tassenrand gebildet haben.

Das früher beliebte Bleigießen sollten Sie lassen, ich rate eher zum Schmelzen von Gold. In diesem Fall sage ich Ihnen ein wohlhabendes Jahr voraus. F

iwaniewicz@falter.at

Zeichnung: püribauer.com


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