Film  Neu im Kino

Audiards "Der Geschmack von Rost und Knochen“

Lexikon | aus FALTER 02/13 vom 09.01.2013

Wie sich soziale Realität dingfest machen lässt, wenn man den Blick der Kamera ganz auf die Körper konzentriert, führen die Brüder Dardenne dem Publikum seit Langem eindrucksvoll vor Augen. Diese Disziplin beherrscht auch Jacques Audiard, wenngleich auf eigensinnige Weise. Seine sechste Regiearbeit ist ein Märchen aus Zeiten der Austerität. Sie wirft Schlaglichter auf eine Gegenwart, in der ein Vater Essensreste zusammenklauben muss, um sich und seinen Sohn ernähren zu können, versenkt den Blick in eine Welt, in der Chefs ihre Angestellten per Video überwachen lassen, um sie sodann leichter feuern zu können.

Von der ersten Einstellung an ist Stéphane Fontaines trotzig-zärtliche Kamera besessen von menschlichen Extremitäten. Sie mag sich nicht sattsehen an der massigen Gestalt Alis (Matthias Schoenaerts), der seinen Lebensunterhalt anfangs als Rausschmeißer in einer Discothek und später als Champion in illegalen Free-Fight-Boxkämpfen bestreitet, sowie an der exquisiten Feingliedrigkeit Stéphanies (Marion Cotillard), die in Antibes als Dompteuse von Orcas arbeitet, bis ihr eines Tages nach dem Angriff eines Wals die Unterschenkel amputiert werden müssen. Ihre Körper scheinen schneller zu begreifen, was ihre Seelen erst noch lernen müssen: dass aus ihnen unverhofft ein Liebespaar werden wird, dass sie einen Pakt eingehen werden außerhalb der gesellschaftlichen Codes. "Der Geschmack von Rost und Kochen“ ist ein ruppiges, ungeniertes, zugleich lyrisches und höchst erotisches Melodram, dessen Protagonisten die Fesseln von Soziologie und Psychologie abstreifen, um Menschlichkeit zu entdecken. Wiederum unternimmt Audiards nervös flackernde Bildsprache eine Reise ins Licht - auch wenn man die Côte d’Azur im Kino nie zuvor so glanzlos sah.

GERHARD MIDDING

Ab Fr im Filmcasino und Votiv (OmU)


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