Selbstversuch

Gut, das Argument ist schwer zu widerlegen

Kolumnen | Doris Knecht  | aus FALTER 03/13 vom 16.01.2013

9.1., 9.30 Uhr: Anruf Prix. Nicht bdubduuu! Ptu Ptu!!! Ptu ptu? Die Stones? Wie die Tauben?? Echt jetzt.

10.1., 16.30 Uhr: Die Mimis kommen aus der Schule und wollen reden. Weil. Alle haben jetzt Internet am Handy, alle! Nur sie nicht. Sie, die Mimis, sind die einzigen Kinder in der ganzen Schule, die ein absolut geschissenes Handy ohne Internet haben. Der Einwand, dass es sich bei dem geschissenen Handy um ein tadelloses Smartphone handelt, wird mit dem Gegenargument entkräftet, dass auch das tadelloseste Smartphone ohne Internet nur ein geschissenes Handy sei, weil man ohne Internet nämlich nicht einmal Spiele auf das geschissene Handy laden und das geschissene Handy folglich ausschließlich zum Telefonieren und SMSen verwenden könne.

Exakt das war der Plan: Die Mimis mit einem handlichen, kleinen Gerät auszustatten, das es ihnen ermöglicht, jederzeit und überall Kontakt mit ihren fürsorglichen Eltern aufzunehmen (und umgekehrt) und mit ihren Freunden zu kommunizieren, auf der Basis von 2000 SMS pro Monat.

Wir wollen aber auch Internet!

Internet bekommt ihr nicht.

Wieso nicht?

Aus den bereits tausendmal vorgelegten Gründen: weil wir nicht wollen, dass die Mimis auf dem Schulweg und in der Schule ununterbrochen auf dem Handy herumdaddeln. Weil wir nicht wollen, dass sie fragwürdige Filmchen auf Youtube anschauen, die mit noch fragwürdigeren Filmchen verlinkt sind. Weil wir nicht wollen, dass sie nur noch mit dem Handy spielen und kommunizieren anstatt mit den Mitschülerinnen. Im Prinzip, weil wir wollen, dass sie das Sprechen nicht verlernen.

Aber niemand spricht mit uns, weil alle mit ihren Handys spielen!

Eben. Und ihr macht dabei nicht mit.

Warum nicht?!

Aus den genannten Gründen. Ende der Debatte.

Aber …

Ende der Debatte, hab ich …! Und knall ja nicht mit …!

16.42 Uhr: Jemand hat die Kinderzimmertür mit einer Kommode gesichert.

16.51 Uhr: Die Kommode wird nach längerem Zureden verschoben, eins der Mimis öffnet, schluchzend: Aber ich bin in der Klasse eine Ausgestoßene! Ich werde ausgelacht! Ist dir das vollkommen egal?

Falls das wahr ist, tut es mir eh leid. Trotzdem bekommst du kein Internet.

11.1., 11.05 Uhr: Weil in der Pause niemand mit dem Kind spricht, nutzt es nun sein Handy in der von der Mutter gewünschten Weise und schickt SMS. Viele SMS. Alle an die Mutter.

12.02 Uhr: Und zwar in jeder Pause.

13.04 Uhr: Und nach Schulschluss in der Nachmittagsbetreuung.

14.48 Uhr: Und danach auf dem Weg zum Tanzkurs.

23.34 Uhr: Und in der Nacht, weil es nicht einschlafen kann. Wegen des Internets. Hätte es Internet am Handy, dann. Ja.


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