Enthusiasmuskolumne  

Der coolste Hund der Nullerjahre

Diesmal: Die beste Musikdokumentation der Welt der Woche

Feuilleton | Gerhard Stöger | aus FALTER 04/13 vom 23.01.2013

Nicht, dass die Retrokultur im Pop etwas wirklich Neues wäre. Wie sehr sie die Nullerjahre beherrschte, hatte aber doch eine eigene Qualität. Wenn Kulturforscher später einmal auf diese Epoche zurückblicken, werden sie rund um die Jahrtausendwende nicht nur das endgültige Ende des Fortschritts konstatieren, sondern auch das Ende des Wissensvorsprungs, das durch Internet und MP3-Tauschbörsen eingeläutet wurde: Das Geheimwissen des Pop-Hipsters wurde Allgemeingut, und die Geschichte des Krautrock ist plötzlich nur mehr einen Mausklick von den Anfängen des Detroit Techno entfernt.

James Murphy hat diese Entwicklung 2002 in "Losing My Edge“ festgehalten, seiner Debüt-Single als LCD Soundsystem, die zornigen Popsong und minimalistischen Dancetrack geschickt vereinte. Die Kulturforscher von morgen werden kein Lied finden, das die Nullerjahre treffender fasst als "Losing My Edge“.

Sie werden kaum Lieder entdecken, die eine solche Energie und Kraft haben, und sie werden auch keinen cooleren Hund aufstöbern als James Murphy, jenen von Punk geschulten und später von Techno begeisterten US-Musiker, der neben einer der besten Bands der Dekade auch eines der besten Labels zu verantworten hatte, DFA Records.

Bei ihrer Analyse werden die Kulturforscher nicht nur Murphys Platten hören, sondern auch die fantastische Doku "Shut Up And Play The Hits“ als Studienmaterial heranziehen. Rund um das Abschiedskonzert des LCD Soundsystem im New Yorker Madison Square Garden erzählt dieser wunderbar unaufgeregte, auch ganz ohne Effekte vom ersten Moment an faszinierende Film James Murphys Geschichte. Popinteressierte von heute können "Shut Up And Play The Hits“ derzeit im Top Kino sehen.


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