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Falters Zoo | aus FALTER 04/13 vom 23.01.2013

Peter Iwaniewicz macht einen auf Bildungsbürger und tadelt schlechte Übersetzungen

Wie macht man sich international am besten lächerlich? A) Indem man im Jahr 1990 noch einen Entscheid des Höchstgerichts braucht, um im Schweizer Kanton Appenzell gegen den Willen der männlichen Stimmbürger das Wahlrecht für Frauen einzuführen? B) Indem man im 21. Jahrhundert für die Wehrpflicht stimmt, weil man nur so eine Lücke in der Menschenrechtskonvention nutzen kann, um einen zivilen Zwangsdienst aufrechtzuerhalten? C) Indem Kanada auf seinen neuen 20-Dollar-Banknoten das nationale Symbol, das Blatt des Zuckerahorns, falsch abbildet? Zugegeben, das war leicht: Antwort C) ist richtig, zumindest wenn man der medialen Aufregung über diesen Ikonoklasmus folgt.

Was ist passiert: Ein Botaniker behauptete, dass auf dem neuen kanadischen 20er die (sehr stilisierte) Abbildung eines Ahornblatts nicht der dort ansässige und allseits beliebte Zuckerahorn wäre, sondern ein - so die Übersetzung in österreichischen Medien - "Norwegischer Ahorn“. Dann folgte eine längere fachkundige Begründung, die Ausdrücke wie "gesägt statt ganzrandig“, "multiple Lappen“ und "stumpfe statt gespitzte Buchten“ enthielt.

Der botanische Laie würde normalerweise daraufhin sofort weiterblättern und seine Kinder vom Biologieunterricht abmelden, damit diese etwas Ordentliches lernen können. Aber. Es fiel das magische Wort "Zuwanderer“ und damit hatte Sean Blaney vom Atlantic Canada Conservation Data Centre wieder die öffentliche Aufmerksamkeit. Ein Import aus Europa, der den gleichermaßen braven wie heimischen und süßen Ahornsirup produzierenden Zuckerahorn verdrängt. Und so etwas als nationales Symbol! Da half es dann wenig, dass die für das Scheindesign verantwortliche Zentralbank darauf hinwies, dass es sich doch dabei nur um ein abstrahiertes Ahornblatt handle. Und dieses für alle zehn in Kanada vorkommenden Ahornarten stehe. Egal, das Volk hält in solchen Fragen nicht viel von Integration.

Bleibt aus europäischer Sicht nur mehr die Frage offen, was denn eigentlich ein "Norwegischer Ahorn“ sein soll. Auf alle Fälle eine schlechte, weil wörtliche Übersetzung: Norway Maple heißt auf Deutsch immer noch Spitzahorn und ist in unseren Städten eine der häufigsten Baumarten. Na ja, es kommt sicher bald eine Bildungsreform. Und die nächste Volksbefragung. Dann sind wir wieder souverän.

iwaniewicz@falter.at

zeichnung: püribauer.com


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