Kritik

Und im Straflager tanzen die Puppen

Lexikon | aus FALTER 04/13 vom 23.01.2013

Selbstporträt mit Diktator“ ist der Titel einer Fotografie, die Anna Jermolaewa am Eingang zu ihrer Retrospektive platziert. Sie zeigt die Künstlerin zusammen mit einer Wachsfigur des russischen Präsidenten Wladimir Putin. Die von den Albträumen der Sowjetzeit geplagte russische Gesellschaft ist das wiederkehrende Thema der Videos, Fotos und Installationen der gebürtigen Leningraderin. "Überlebensversuche“(2000) nennt sich ein Film, in dem Stehaufmännchen von unsichtbarer Hand geschüttelt werden. Sie verfallen in einen immer frenetischeren Tanz, ohne dass die Spielzeuggesichter ihr Grinsen aufgeben würden. Es ist ein allegorisches Bild über das Leben im Kollektiv und eine Wirklichkeit, von der es einmal hieß, die Kunst habe deren sozioökonomische Objektivität möglichst treu widerzuspiegeln. Das Aufeinanderprallen zwischen Sein und (medial vermitteltem) Bewusstsein zeigt die Künstlerin auch in einem weiteren Video. Mit einer Pistole zielt sie auf das Publikum und schießt, bis das Kameraauge getroffen ist. Ende der Übertragung.

Die frühen Arbeiten sind medienreflexiv, dann werden sie autobiografischer, bis hin zu einer Reportage über Sibirien, wo die Künstlerin stalinistische Straflager aufsucht, in denen ihre Angehörigen eingesperrt waren. Die Bilder von Autofahrten über lehmige Straßen sind auf unverputzte Wände projiziert.

Die Geräusche von Maschinen, Wortfetzen und beatlastige Scores aus den verschiedenen Ausstellungskojen fließen zu einer dreckigen Soundwall zusammen. Die Bilder von Rolltreppen, Spielzeugfiguren und Gepäckförderbändern lösen sich vom Einzelobjekt und verschmelzen zu einer Maschine, als wäre die Welt von unsichtbaren Keilriemen und Motoren angetrieben. Das ist sozialistischer Realismus, auf sein Scheitern angewandt. Gut gemacht! MD

Kunsthalle Krems, bis 17.2.


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