Tanzpartner der Einsamkeit: Theater im Bahnhof goes Tango

Steiermark | Kritik: Hermann Götz | aus FALTER 04/13 vom 23.01.2013

Es ist egal, ob man auf Wikipedia nachschaut oder einfach eine Platte von - sagen wir - Astor Piazzola auflegt, die Erkenntnis wird die gleiche sein: Tango erzählt von Einsamkeit und von Sehnsucht. Das ist selbst bei Bearbeitungen von Gidon Kremer oder Gotan Project noch deutlich zu spüren. Und besonders dann, wenn Lorenz Kabas große Melodien des Tango Nuevo interpretiert: allein mit seiner klassischen Gitarre. Kabas’ musikalische Darbietungen sind das Herzstück der aktuellen Theater-im-Bahnhof-Produktion "Fernliebe“, die in der Grazer Tango-Baustelle zu genießen ist und vom Tanzen, von Einsamkeit und von Sehnsucht erzählt. Kabas und Rupert Lehofer leben in Fernbeziehungen, Lehofer und Gabriela Hiti sind die Tangotanzpartner. Hiti ist die Frau, die beim Tango - trotz glücklicher Nahbeziehung - Sehnsüchte ausleben will, die ihr Lebensgefährte (ein Rockmusiker) scheinbar nicht befriedigt. Private Details, die aus dem Leben der Darsteller ins Stück umgeleitet wurden (und der Umstand, dass in den Räumen der Tangofabrik Filzpatschenpflicht herrscht), stiften eine intime Atmosphäre, die den Zuseher ganz nahe an die zwischen Tanzproben und Jausenkrümeln verstreute Erzählung heranholt. Der Rest ist gewohnt gutes TiB-Theater: feine Figuren und feiner Witz, aufgemotzt durch eine neue Folge der Erfolgsserie "Lehofers lehrreiche Abschweifungen“. Schade nur, dass am Ende der etwas unbeholfene Versuch steht, dem Ganzen auch noch eine Art Handlung unterzujubeln. Das hätte es gar nicht gebraucht. Eher noch ein, zwei Vorträge von Herrn Lehofer. Oder noch eine Zugabe von Herrn Kabas. Davon kann man nicht genug bekommen.


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