Vor 20 Jahren im Falter  Wie wir wurden, was wir waren

Wien türkisch!

aus FALTER 05/13 vom 30.01.2013

Das Cover von Ausgabe 5/1993 wurde in zwei Varianten produziert. Das Wort an die Leserinnen und Leser erklärte, warum: "Das ist Ihnen vermutlich schon aufgefallen: Der schnurrbärtige Herr auf dem Cover ist ein getürkter Türke. In Ermangelung eines echten sprang Kulturredakteur Klaus Nüchtern ein, aus dem die Falter-Belegschaft mithilfe von Wimperntusche und einem falschen Oberlippengestrüpp einen neuen Menschen machte. Was Sie nicht ahnen: Die Kappe stammt aus Nüchterns Privatbesitz, der Mann trägt solche Kopfbedeckungen auch im wirklichen Leben.

Nicht vorenthalten wollen wir Ihnen unser Ersatz-Coverfoto, das wir für den Fall des Haider’schen Erfolgs - der glücklicherweise ausgeblieben ist - verfertigten: Kunstkritiker Markus Wailand in der Rolle eines deutschtümelnden Volksbegehren-Fans.“ Der Text auf dieser zur Klonen Zeitung ummodellierten Coverseite lautetet übrigens: "Wien deutsch - Vranitzky in Brno!“ Die echte Klone-Zeile lautete: "Wien türkisch - Haider in Chile!“

Daraus wurde erfreulicherweise nichts, das Anti-Ausländer-Volksbegehren mit dem schönen Titel, der allen Strache-Fans total unbekannt vorkommt (es hieß "Österreich zuerst“), erhielt nicht die von Rechten und von der Kronen Zeitung erhoffte Million Unterzeichner, sondern bloß 416.531. Diese Zahl sucht man - nicht ganz untypischerweise - in der gesamten Ausgabe von Falter 5/1993 vergebens. Die Analyse der Politredakteure Bernhard Odehnal, Thomas Seifert und Thomas Vašek beschränkte sich auf Wien, wo die FPÖ über ihr altes Problem stolperte: Sie motivierte bloß etwas mehr als acht Prozent der Wähler zur Unterschrift; bei der Gemeinderatswahl hatten noch 22,6 Prozent FPÖ gewählt.

Derweil erklärte die Autorin Ruth Klüger in einem Interview mit Stephan Steiner, für sie sei Wien, was Szeged für Elie Wiesel sei: unheimlich. "Gerne würde ich sagen, dass Österreich kein Land der Täter mehr ist, aber dann höre ich diese Geschichten über Haider, Ausländervolksbegehren und Antisemitismus und frage mich:, Was fange ich damit an?‘“ AT


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