Enthusiasmuskolumne  Diesmal: der beste Tauchgang der Welt der Woche

Das Glück der siedenden Weißwurst

Feuilleton | aus FALTER 05/13 vom 30.01.2013

Augenblicke der Schönheit sind jene, in denen die niederen Triebe des Körpers auf die Selbstbestimmung des Geistes treffen, hieß es bei den deutschen Idealisten. Glücklich darf sich jenes Subjekt schätzen, das den gegen Kälte in Stoffschichten gestopften Körper in heißes Schwefelwasser eintauchen darf wie Weißwurst in eine Rindssuppe.

Anders als bei enthemmenden Substanzen chemischer Provenienz bewahrt der Blubbernde die Selbstkontrolle, verspürt gleichzeitig jenes berauschende Gefühl des Schwebens, das sich sonst nur mit Methylamphetaminen herstellen lässt. Um diesen Zustand zu erreichen, bedarf es einer klugen Dramaturgie, die am Bahnhof Mödling beginnt und in der Therme Baden endet. Der erste Triumph des Willens über die Trägheit des Leibes stellt sich ein, wenn der Aufstieg von Mödling über die Breite Föhre (der originale Baum befindet sich übrigens im St. Pöltner Landesmuseum Niederösterreich) geschafft ist.

In weiten Schwüngen zieht sich der Weg bis zur Schutzhütte Anninger-Haus hinauf. Auf dieser Strecke begegnen dem Wanderer Familien, die die Rodel hinter sich herziehen. Den Hang hinuntersausende Erwachsene lachen und quietschen, denn sie erinnern sich an die Ausflüge auf den Anninger in der eigenen Kindheit. Nach einer Rast in der Gaststätte (der Topfenstrudel kann sich sehen lassen) beginnt das ruhige Stapfen durch das weiße Pulver. Am Horizont sammeln sich bläulich-silbrige Farben, manchmal schieben sich die Voralpengipfel zwischen die Baumreihen.

Beim finalen Abstieg in den Badener Kurpark, vorbei an Joseph Kornhäusels klassizistischer Architektur, beginnen die Neurotransmitter zu hecheln wie ein Hund beim Wort Gassi. Denn dann weiß die "dumpfe Region des Geistes“ (Hegel): Jetzt wird’s "Ahh!“. matthias dusini


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