Tiere

Mount Trash

Falters Zoo | aus FALTER 05/13 vom 30.01.2013

Wieder einmal wurde bewiesen, dass Tiere eigentlich auch all das können, was Menschen als superureinzigartige Ergebnisse ihres Vorderhirnlappens betrachten: Auch Mistkäfer orientieren sich bei ihren Wanderungen an den Sternen. Auf diesen Trick sind also nicht irgendwelche phönizischen Seefahrer gekommen, sondern diese festen, schwarzen Burschen! Die Skarabäen formen mit ihren Hinterbeinen eine mächtige Kugel aus Tiermist und laufen mit und auf dieser möglichst schnell vom ursprünglichen Kothaufen in gerader Linie weg. Jeder Mensch, der im morgendlichen U-Bahn-Gewusel seinen Weg sucht, weiß, dass sich kleine Lebewesen beim Orientieren und Wegefinden besonders schwer tun.

Da Mistkäfer auch in mondlosen Nächten schnurgerade Wege einlegten, verfrachteten südafrikanische Wissenschaftler die "Pillendreher“ in ein Planetarium und setzten sie dort unter einem mondlosen, aber sternenklaren Himmel aus. Die Referenzgruppe, deren Augen mit Kappen verdeckt waren (leider ohne Fotos in der Studie), liefen in Schlangenlinien, während die "Sterngucker“ wie weiland Leif Eriksson auf dem Weg nach Amerika ihren Kurs hielten.

Verdammter Mist, möchte man da ausrufen, wieder einmal zerbröselt unser Traum von der menschlichen Hegemonie im Tierreich. Aber auch wir haben im Lauf der Zivilisationsgeschichte neue Fähigkeiten erworben: Bewohner in Ballungsräumen sind ihrerseits in der Lage, sich am Mist zu orientieren. Und zwar nicht nur an dem, den man wie Hänsel und Gretel im Grimm’schen Märchen selbst hinter sich ausgestreut hat, sondern auch an den Artefakten anderer. Eine Falter-Leserin schrieb mir, dass sie ihren Weg aus den unendlichen Weiten Favoritens nur dadurch zurück gefunden hätte, weil sie den Spuren eines Menschen, der in Hundekot gestiegen war, gefolgt sei.

Der Fußabdruck eines Wieners im 21. Jahrhundert hat Dimensionen, gegen den selbst der Bau der Pyramiden verblasst: Die Mülldeponie in Wien-Donaustadt umfasst eine Fläche von etwa 60 Hektar und beeindruckt mit 14 Millionen Kubikmetern Schüttvolumen. Dort, wo vor den 1960er-Jahren nur flache Landschaft war, ragt jetzt ein 45 Meter hoher Berg aus Mist hervor. Und nach Definition der Bergsteigervereinigungen kennzeichnet ein Anstieg von 30 Metern bereits einen eigenen Gipfel. Das soll er uns erst einmal nachmachen, der Mistkäfer. F

iwaniewicz@falter.at

zeichnung: püribauer.com


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