Film Neu im Kino

Schrei nach Freiheit: "Cäsar muss sterben“

Lexikon | aus FALTER 05/13 vom 30.01.2013

Gedreht hinter Gittern: Shakespeare’-

scher Mafiafilm der Brüder Taviani

Wer weiß schon, wie viele Königsdramen sich tagtäglich in Gefängnissen abspielen? Shakespeare’sche Größe wird man den wenigsten von ihnen unterstellen. Das Kino könnte uns eines Besseren belehren. In Jacques Audiards "Ein Prophet“ etwa wird ein César von seinem Ziehsohn ermordet. Auch Paolo und Vittorio Taviani dient nun ein Zuchthaus als Bühne für Mord, Rachsucht und Machtgier. Man zögert freilich, ihren letztjährigen Berlinale-Sieger in einem Atemzug mit einem anderen Film zu nennen. Denn in der Kinogeschichte sucht er seinesgleichen.

Man könnte "Cäsar muss sterben“ für einen Dokumentarfilm halten, aber er entstand nach einem Drehbuch und nach Proben. Gefilmtes Theater ist er auch nicht, obwohl er eine Inszenierung von "Julius Cäsar“ zeigt. Er trägt Züge eines Mafiafilms, denn seine Protagonisten sind schwere Jungs aus dem Süden Italiens. Aber damit hat man immer noch nicht erfasst, was die unbeirrten Utopisten im Hochsicherheitsgefängnis Rebbibia bei Rom gedreht haben. In entschieden unrealistischem Schwarzweiß zeigen sie, wie Strafgefangene unter der Regie Fabio Cavallis die Shakespeare-Tragödie einstudieren. Sie agieren als Interpreten des Textes und als Darsteller in eigener Sache (die Brüder baten ihnen ein Inkognito an, aber sie treten unter eigenem Namen und mit Nennung ihrer Straftaten auf): Die Ausgestoßenen haben Teil am gesellschaftlichen Ereignis Kunst.

Das Stück ist ein Schrei nach Freiheit. Die leichtfüßige Lakonie der Tavianis bewahrt sie vor den Fallstricken des Sozialarbeiterkitschs. "Seit ich weiß, was Kunst ist“, sagt der Cassius-Darsteller, als das Schauspiel vorüber und das Publikum heimgegangen ist, "ist diese Zelle für mich zum Gefängnis geworden.“ Und macht sich daran, einen Espresso zu kochen.

GERHARD MIDDING

Ab Fr in den Kinos (OmU im Filmcasino)


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