Neues vom Franz

Stadtleben | Porträt: Birgit Wittstock | aus FALTER 06/13 vom 06.02.2013

Beim bekanntesten Kellner Wiens fanden alle Asyl: Gruftis, Punks, Skins und Staatspolizei

Wenn auf ein freundliches "Habe die Ehre, gnädige Frau“ ein "Ich mache Sie darauf aufmerksam, Sie sprechen mit einer Frau Regierungsrätin“ folgte, dann befand man sich im Wien der späten 70er-Jahre. Damals, als noch bedeutend ausgiebiger als heute der österreichischen Titelsucht gefrönt wurde, servierte ein 24-jähriger Kellner namens Franz im Café Raimann, einem Altwiener Kaffeehaus auf der Schönbrunner Straße in Meidling.

Abgesehen von der Frau Doktorin, der Frau Ingenieurin, der Frau Hof-, Kommerzial- und Regierungsrätin war das Raimann in jenen Tagen weitgehend leer, und die Frauen mit den von ihren Ehemännern geborgten Titeln nippten still an ihrem Verlängerten, ihrer Melange, ihrem Einspännern. Der junge Herr Franz versah geflissentlich seinen Dienst. Ab und zu bekam er "einen Rüffel“, wenn er bloß "küss die Hand, gnä’ Frau“ sagte und auf die standesgemäße Anrede vergaß.


Diese Artikel könnten Sie auch interessieren:


Anzeige

Anzeige