Doris Knecht Logbuch

Dann doch lieber abgehackte Gliedmaßen

Kolumnen | aus FALTER 06/13 vom 06.02.2013

29.1. 11.07 Uhr. Seit fünf Jahren lasse ich mir die Haare wachsen. Als ich damit anfing, reichten sie mir knapp bis zum sechsten Halswirbel. Jetzt reichen sie mir knapp bis zum sechsten Halswirbel. Das ist aber nichts im Vergleich zu dem gelben Netzleiberl, das Lena Dunham in Folge drei der zweiten "Girls“-Staffel trägt. Das wird, die Reisinger und ich sind uns einig, nicht zu toppen sein, niemals. Erneut: unendliche Dankbarkeit, dass ich nie wieder 21 oder 25 sein muss. Und dass es zu der Zeit, als ich es war, weder Kamerahandys noch Internet gab, und keine Blogportale, die naive junge Autorinnen dazu ermunterten, doch einmal die Grenzen ihrer sittlichen und stofflichen Integrität zu Zwecken der Akkumulierung von Ruhm, Routine und eventuell Reichtum zu überschreiten. (Wir überschritten diese Grenzen zu unserer Zeit für umsonst.)

Einerseits. Andererseits werde ich in absehbarer Zeit die Mutter von 21- oder 25-jährigen Töchtern sein und könnte darob schon einmal anfangen, mir Sorgen zu machen. Tatsächlich überlege ich, ob ich aus Gründen der Abschreckung mit den Girls "Girls“ schauen soll, aber während sich die zehnjährigen Mimis, trotz des jahrelangen Widerstands ihrer Eltern, im Fernsehen längst völlig ungerührt Filme voller abgehackter Gliedmaßen und entsetzlicher Todesarten anschauen, hindert mich etwas, sie dem Grauen von "Girls“ auszusetzen. Dann lieber die nächste Staffel "Downton Abbey“. Die haben auch arge Probleme, aber keine, die wir je haben werden.

30.1. 11.20 Uhr. Eine Freundin, nach der Lektüre des letzten Logbuchs: Sei ich sicher, dass Vitamin B12 mein Leben gerettet habe? War es nicht vielleicht Vitamin D, das Sonnenlicht-Vitamin? Äh, uh, ja, stimmt. Vitamin D!!! Macht sonniger, aber klüger halt nicht.

31.1. 6.54 Uhr. Der Rauchfangkehrer betritt die Wohnung, und mehr als 25 Jahre nach meiner Flucht aus dem ordentlichen Vorarlberger Elternhaus gelingt es mir noch immer nicht, nicht zu denken, was der Rauchfangkehrer denkt, wenn er dieses Chaos sieht. File under vertrottelt. Es wird nicht besser werden, wenn übermorgen die Schwestern samt Kindern auf Besuch kommen.

31.1. 10.13 Uhr. Ich schicke einer Freundin ein paar Fotos, die ich letzte Woche, als es noch Schnee hatte, beim Rodeln gemacht habe: ihr Kind, noch ein Kind und die Mimis auf der Aussichtsplattform der Kammersteinhütte über Perchtoldsdorf, alle in knallbunten Hosen, Jacken und Hauben, alle lachend und fröhlich, und hinter ihnen liegt schwarzweißgrau die verschneite Hügellandschaft von Niederösterreich. Sie mailt zurück: "Wow, wie schön, und wie gut wir es haben.“ Ja, das haben wir. Das haben wir wirklich.

2.2. 8.01 Uhr. Ein SMS von meiner Schwester glonggt mich aus dem Schlaf: Sie sitzen im Zug und trinken in Vorfreude den ersten Prosecco. Guten Morgen, das war jetzt ein Witz oder? Nein, das ist Ernst. Aha; Prost, ich muss jetzt aufräumen.


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