Tiere

Boy meets girl

Falters Zoo | aus FALTER 06/13 vom 06.02.2013

Lautes Gezwitschere im Twitterwald und auch die Papierblätter rascheln ganz erregt mit: Der deutsche FDP-Fraktionschef Rainer Brüderle macht der Stern-Redakteurin Laura Himmelreich in einer Hotelbar das plumpe Kompliment "Sie können ein Dirndl auch ausfüllen“ und schon schwillt eine Sexismusdebatte an. In Biologismuskunde haben wir zwar gelernt, dass man als Sexismus jenes Verhalten bezeichnet, das "Menschen aufgrund ihrer biologischen Geschlechtsmerkmale eine grundlegende Unterschiedlichkeit zuordnet und diesen in der Folge verschiedene gesellschaftliche Rechte und Pflichten zuweist“.

Die Bemessung von weiblichen Brustumfängen und ihre Einpassung in Textilien ist zweifelsohne aufdringlich, aber verpflichtet die Gegenüber zu nichts und beschränkt auch keine ihrer Rechte. Eigentlich debattiert man hier vielmehr die unzeitgemäße Erotomanie älterer Männer. Dabei haben diese genug andere Probleme wie zwanghaftes nächtliches Urinieren, regelmäßige Prostatauntersuchungen und Rangordnungskämpfe mit nachrückenden, jüngeren Silberrücken, die sie gerne gegen gelegentliche und wertschätzende Klapse auf ihren behaarten Hintern eintauschen würden. Wie mann’s macht, ist es offenbar falsch: Will mann höflich sein und sich erkundigen, ob die Dame ihre Brüste operativ vergrößern hat lassen: Sexismus!

Legt Ex-Sozialminister Josef Hesoun 1987 seine Hände freundschaftlich auf den Rückenausschnitt der Abgeordneten Waltraud Schütz und tätschelt sich bis zu ihrem Busen vor: Sexismus! Empfiehlt 1993 der VP-Abgeordnete Paul Burgstaller der Grünen Terezija Stoisits bei einer Parlamentsdebatte "das Mikrofon in den Mund zu nehmen und fest daran zu lutschen“: Sexismus! Unverständlich, dass man ritterliche Galanterie politisch so falsch verstehen kann.

Weibliche Wesen sind Männern eben seit Urzeiten ein Mysterium. Die ersten Gottheiten, die in der menschlichen Kulturgeschichte angebetet wurden, waren Fruchtbarkeitsgöttinnen wie die Venus von Willendorf. Frauen konnten sich - im Unterschied zu ihren testikeltragenden Sippenmitgliedern - durch einen damals völlig unerklärlichen Geburtsvorgang "verdoppeln“ und neues Leben entstehen lassen.

Seit damals werden Frauen von Männern angebetet. Und plötzlich sollen manche der rituellen Handlungen bei diesem Mysterienkult häretisch sein? Oh, große Göttin hilf!

iwaniewicz@falter.at

Zeichnung: püribauer.com


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