Vor 20 Jahren im Falter  Wie wir wurden, was wir waren

Grad der Michl

Falter & Meinung | aus FALTER 07/13 vom 13.02.2013

Unvorstellbar, dass er es einmal nicht war. Gerade 20 Jahre ist es her, da war er noch nicht Bürgermeister und wurde im Falter von Thomas Vašek porträtiert. "Der grade Michl“ hieß die Geschichte, und sie stellte den Umweltstadtrat Michael Häupl als Kommunikationstalent und begabten Amateurfußballer vor. Sein Konkurrent um den SP-Wien-Vorsitz, um den es vordergründig ging, hieß Franz Löschnak. Der hatte sich als Innenminister gerade unmöglich gemacht. Für den Bürgermeistersessel trat Hannes Swoboda an, aber dessen Appeal war zu intellektuell.

"In den sogenannten Intellektuellenbeisln wird man Michael Häupl eher selten treffen“ - dort habe er "viele langweilige Menschen kennengelernt“, sagte er. Unter "hochrangigen innenpolitischen Redakteuren“ langweile er sich, was seiner Popularität nicht schadete. Häupl sei ein "moderner Traditionalist, oder besser ein traditionsbewusster Modernist“, schrieb Vašek, und diese Definition würde sich der wahrscheinlich heute noch gefallen lassen. "Sein politisches Programm klingt stark nach Grundsätzen:, Arbeit, Wohnen, Sicherheit‘“. Und die Absolute müsse wieder her. Die ist ja, mit Verzögerung, dann gekommen.

Ferner ist von einem Versagen des Chronisten zu berichten: Die Kolumne "Nüchtern betrachtet“ erschien in dieser Ausgabe bereits zum dritten Mal. Die erste war leicht zu übersehen, kam sie doch als halbseitiger Artikel über Krawatten, Nassrasieren, Teekessel, Pyjamas und Zahnbürsten eher wie der Warentest eines camouflierten Dandys daher. In der nächsten Ausgabe fand sie erstmals zur Kästchenform, allerdings stand sie direkt neben einem Text von Christian Schachinger über die Sex Pistols und war illustriert (!) mit einer Grafik der Mannschaftsaufstellungen zweier Weltteams des Jazz (einen Spaß, den Nüchtern von der Zeitschrift Filmkritik abgeschaut hatte, die so was gern betrieb, im Tor, glaube ich, Straub und Ozu). So nahm ich die Kolumne erst jetzt zur Kenntnis. An diesem Kolumnentitel kam ja keiner vorbei. Er lautete: "Ich auch, ich auch!“ Noch ein 20-Jahr-Jubiläum. Gratulation. AT


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