Nachgetragen  Journal mehr oder weniger bedeutender urbaner Begebenheiten

Wien verliert einen Kämpfer gegen die Stacheldrähte in den Köpfen

Politik | Barbara Tóth | aus FALTER 07/13 vom 13.02.2013

Unscheinbar ist sein Haus, es verfügt über keine prominente Adresse und kein großes Entree. Aber wer immer das Institut für die Wissenschaften vom Menschen in der Wiener Spittelau betritt, spürt die Nachdenklichkeit und die Kraft, die von diesem Ort ausgeht.

Krzysztof Michalski hatte hier ein Refugium geschaffen, einen Ort des Austauschs für Intellektuelle aus West und Ost. 1981, als der polnische Philosoph beschloss, von einer Urlaubsreise nicht in seine Heimat zurückzukehren, konnte lautes Nachdenken in vielen Ländern Europas noch gefährlich seien. Das IWM bot kritischen Intellektuellen aus Osteuropa nicht nur Schutz, es half auch deren Kollegen im Westen, die Situation jenseits des Stacheldrahts nicht aus den Augen zu verlieren - und das Leben in Freiheit zu würdigen. Über 700 "Fellows“, wie die Gäste auf Zeit genannt werden, durchliefen Michalskis Haus, und sie schätzten nicht nur die Diskussionen in der wunderschönen Bibliothek, sondern auch die banalen Dinge wie die ausgezeichnete, polnisch inspirierte kleine Mensa im Untergeschoß.

Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs kamen die Gäste nicht mehr nur aus Polen, Ungarn, der Tschechischen Republik, sondern aus Weißrussland, Moldawien, der Ukraine und Russland sowie den USA, wo das IWM ein Partnerinstitut unterhält. Mehr als eine Generation an Intellektuellen wurde hier geschult. Im Denken, in der Toleranz, im Glauben an Europa.

Michalski, der seine Dissertation über Heidegger schrieb und sich 1986 an der Universität Warschau mit der Arbeit "Logik und Zeit“ habilitierte, stand zeitlebens der Kirche nahe. Papst Johannes Paul II. gehörte zu seinen Förderern, Solidarnośæ-Vordenker Prälat Józef Tischner war sein Weggefährte. Kardinal König half, die Stadt Wien und die Republik Österreich als Sponsoren des Instituts zu gewinnen. Ohne dieses - und seinen Gründer - wäre Wien auf der geistigen Landkarte Europas heute bloße Provinz. In der Nacht auf Montag verstarb der Philosoph an einem Krebsleiden.


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