Zitatgebastel und Herzlichkeit, künstliche und echte Kratzer: Tarantino-Schau im Gartenbau

FALTER : WOCHE | JOACHIM SCHÄTZ | aus FALTER 07/13 vom 13.02.2013

Vermutlich sind die 90er-Jahre inzwischen schon lang genug her, dass man sich "Pulp Fiction" (1994) wieder anschauen kann, ohne darin vor allem den oberschlauen Kultfilm einer lauwarmen Dekade zu sehen -einen Film, der Genrekino und Maturantenhumor auf Jahre hin verheert hat.

Womöglich sticht heute sogar eher der eigenartig herzliche Tonfall von Quentin Tarantinos Unterwelt-Cartoon heraus als die viel kopierten Überraschungsmanöver, Zeitsprünge und Zitate. Die Probe aufs Exempel lässt sich im Gartenbaukino machen. Das zeigt nach dem Kassenerfolg des Tarantino-Westerns "Django Unchained" ab Freitag nun "Tarantino Unchained" - eine Retrospektive seiner Regie-und markanten Drehbucharbeiten.

Nicht, dass Tarantinos Werk vom gefeierten Debüt "Reservoir Dogs"(1992) an gesonderter Aufmerksamkeit bedürfte. Er gehört zu den wenigen Namen, die in Festivalzirkus und Feuilleton genauso ziehen wie im Multiplex, deshalb hält er auch oft her, wenn ein Strohmann für Polemiken (gegen Gewalt im Film oder gegen ironisches Referenzgebastel) gesucht wird. Bei der Zusammenschau könnte aber auffallen, dass sich Tarantinos Filme eben nicht in dem markenzeichenhaften Aneinanderreihen von Posen, Gewalt und Geplauder erschöpfen, auf das seine Epigonen meist abzielten.

In Interviews erscheint der Ex-Videothekar als passionierter Filmfreak, der auf Meisterlichkeit hinarbeitet wie ein übereifriger Kung-Fu-Schüler. Schön sind seine Filme aber oft gerade dort, wo ihnen am wenigsten Geltungsdrang anzumerken ist: Der verbummelte Krimi "Jackie Brown" (1997) erzählt vorbei an jeder Stromlinienform die anrührende Romanze zweier vom Leben Ramponierter. Die strukturellen Spielereien im Bolidenschundler "Death Proof"(2007) haben mehr mit dem Variationenmodernismus von Alain Resnais oder Hong Sang-soo zu tun als mit dem beworbenen Retro-Karacho.

Und weil die Filme - keine Selbstverständlichkeit - durchwegs in 35mm-Kopien gezeigt werden, sind zu den künstlich hergestellten optischen Kratzern und Fahrern in "Death Proof" vielleicht schon ein paar echte dazugekommen.

Gartenbaukino,15. bis 28.2.


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