Fotografie Kritik

Tiefere Einblicke durch das Milchglas

LEXIKON | aus FALTER 07/13 vom 13.02.2013

Als das Wien Museum 2009 eine Schau zu Street Photography zeigte, waren auch die großartigen Reflexionen urbanen Lebens von Saul Leiter vertreten. Der US-Fotograf zählt zu den Pionieren einer Farbfotografie, der das lange als kommerziell gebrandmarkte Medium bereits Ende der 1940er-Jahre künstlerisch nutzte. Das Kunsthaus Wien hat nun von den Hamburger Deichtorhallen eine verkleinerte Retrospektive des Künstlers übernommen, dessen Werk erst seit dem Erscheinen des Fotobands "Early Color" im Jahr 2005 wiederentdeckt wird.

Im Jahr 1923 geboren, sollte Leiter ursprünglich Rabbiner werden, aber er verließ das theologische Kolleg Mitte der 40er-Jahre, um in New York Malerei zu studieren. Die Kamera hatte er damals schon im Gepäck, und er begann bald darauf, mit seiner Linse verdichtete Bilder zu komponieren, die Anonymität atmosphärisch einfangen. Selten werden die Gesichter jener Passanten gezeigt, die Leiter lieber als Schemen durch angelaufene Scheiben, im Schneegestöber oder in Spiegelungen festhält. Grafische Versatzstücke wie Neonlichter oder Ladenschilder dienen als Elemente dieser auf unromantische Weise geheimnisvollen Aufnahmen, vor denen man oft lange verweilen muss, um ihre Komplexität zu erfassen. In seinen Modefotografien, die er über 20 Jahre für Magazine wie Haper's Bazaar produzierte, zeigt sich seine Handschrift in scharfen Anschnitten und höchst stilisierten Inszenierungen.

Leiters Verwendung von Farbe ist hinreißend. Seine Begeisterung für den Impressionismus sowie für die Farbfeldmalerei eines Mark Rothko treten in seinen Fotografien immer wieder zutage. Dass Leiter selbst kein so guter Maler ist, wäre nicht so schlimm, aber unglücklicherweise besteht ein Viertel der jetzigen Schau aus seinen abstrakten und figurativen Gemälden. NS Kunsthaus Wien, bis 26.5.


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