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Politik | Wolfgang Zwander | aus FALTER 08/13 vom 20.02.2013

Bücher, entstaubt

Dworkin und das zynische Zeitalter

"Ein Zyniker ist ein Mensch, der von allem den Preis und von nichts den Wert kennt“, heißt es bei Oscar Wilde. Mit dem Rechtsphilosophen Ronald M. Dworkin, der vergangene Woche im Alter von 81 Jahren verstorben ist, könnte man darauf aufbauend sagen: Wir leben in einem Zeitalter der Zyniker.

Die Zyniker, also die Agenten der Postmoderne, wie die Gegenwart in den Feuilletons noch immer genannt wird, relativierten den Unterschied zwischen Gut und Böse, zwischen Gerecht und Ungerecht so lange, bis der Öffentlichkeit allgemein verbindliche Werte abhanden kamen. Wenn etwa die führende Weltmacht Menschen, die noch nie vor einem Richter gestanden sind, ihrer Rechte beraubt und sie über Jahre wie Hunde in Käfige sperrt, dann steht das (und der mangelnde Protest dagegen) für die moralische Orientierungslosigkeit unserer Zeit. Dworkin sah in Lagern wie Guantánamo eine Gefahr für unsere gesamte Zivilisation, weil dort der Wert der Menschenwürde von den Lagerwärtern im wahrsten Sinn des Wortes mit Füßen getreten wird.

In seinem Opus magnum "Gerechtigkeit für Igel“ argumentierte der geborene US-Amerikaner, dass der Sinn des Lebens und die Aufgabe der Politik darin bestünden, die "moralgeprägten Denkmuster“ der Menschen, wie etwa das Verlangen nach Gleichheit und Freiheit, in die Tat umzusetzen. Dworkin träumte demnach von einer Gesellschaft, die von allem den Wert kennt - und dafür auch den Preis zahlt.

Ronald M. Dworkin: Gerechtigkeit für Igel. Suhrkamp. 812 S., € 49,40


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