Logbuch

Damit solltest du langsam fertig werden

Kolumnen | Doris Knecht | aus FALTER 08/13 vom 20.02.2013

18.2. Eigentlich dachte ich, die Spießer/Nichtspießer-Debatte sei längst erledigt, man hätte sich jetzt darauf geeinigt, dass in derartigen Kategorien zu denken doch sehr letztes Jahrtausend sei. Ich dachte, man sei übereingekommen, dass sich Lebensweisen ändern können, man, zwangsweise oder aus freien Stücken, oft nicht nur von einer zur nächsten wechselt, sondern mitunter vor und retour, bisweilen mehrmals am Tag. Aber gestern erklärte mir Honzo, dass er mich ja mag und alles, aber diese Back to nature-Attitüde mit dem Backen und dem Gärtnern und dieser Genießen-Sache, das beelende ihn.

Jetzt abgesehen davon, dass ich das Wort "Genuss“ und alle seine Abwandlungen ablehne, weil ich es so abstoßend finde, besonders im Zusammenhang mit "Freunde des höheren“: Ich verstehe einfach nicht, was daran deprimierend - oder "spießig“, wie es eben üblicherweise genannt wird - sein soll, wenn jemand Paradeiser pflanzt oder einen Teig zusammenknetet und daraus im Ofen ein Brot backt. Oder kocht, oder näht.

Man kann es nur so interpretieren, dass beängstigend viele Menschen nicht in der Lage sind, mit ihrer Kindheit in den kleinbürgerlichen und sparefrohen 1970er-Jahren abzuschließen und endlich mit der Angst fertig werden, man könnte so werden wie die eigenen Eltern. Scheint’s plagt viele auch post 40 und nach zig Therapien die Sorge, sie würden sich, wenn sie einen Kuchen in den Ofen schieben oder einen Setzling in die Erde stecken, jäh in den eigenen Vater oder, für Kerle wie Honzo natürlich noch horribler, in die Mutter verwandeln, und die jahrzehntelangen Bemühungen, ein von den genetischen und pädagogischen Verwüstungen der direkten Vorfahren unkontaminiertes oder zumindest geheiltes Dasein zu führen, seien in dem Moment, in dem die Backofentür zufällt, zunichte gemacht. Anscheinend stinken Kochen, Nähen, Gärtnern, Stricken und Brotbacken auch 30 Jahre später noch nach Biederkeit und jener Bürgerlichkeit, aus der man aus objektiv guten Gründen floh.

Aber irgendwann muss man das doch auseinanderdividieren können, irgendwann muss man doch in der Lage sein zu sagen: Gut, das war das, und nicht alles, was die Eltern gemacht haben, war oasch. Beziehungsweise: Ungut war in erster Linie der Zwang, unter dem es geschah, vor allem der gesellschaftliche, der die Frauen in die Küche, und der ökonomische, der sie im Gemüsebeet auf die Knie zwang und hinter die Nähmaschine, und den kleinen Honzo in umgenähte Frauenjeans oder sonst irgendwas, das ihn bis heute traumatisiert. Das steinharte Jausenbrot, die selbstgezogenen Kohlsprossen am Teller, whatever.

Nichts davon ist mir fremd. Trotzdem. Dass man vormittags Marmelade kocht, hindert einen ja nicht daran, abends mit einem Vollidioten über den menschenwürdigen Umgang mit Asylwerbern zu streiten; gerne auch in, wasweißich, Chloé-Heels und unter dem Einfluss von. Oder. Eben.


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