Fragen Sie Frau Andrea

Für Neunmalkluge: Ehrt endlich des Esels Ohr!

Kolumnen | aus FALTER 08/13 vom 20.02.2013

Liebe Frau Andrea,

dass man in der Lasagne zunehmend Pferd findet, stört mich weniger, als in Büchern und Heften Eselsohren zu sehen. In meiner Volksschulzeit waren die umgefalteten Ecken der Schulheftseiten ein absolutes No-go. Aber irgendwas stimmt da nicht mit dem Begriff. Eselsohren sehen doch ganz anders aus!

Line Glander, Graz, per E-Mail

Liebe Line,

Sie haben völlig Recht! Eselsohren, also die Ohrmuscheln des Hausesels (Equus asinus asinus), sehen tatsächlich anders aus als die absichtlich oder unabsichtlich angebrachten Faltecken in Büchern und Heften. Die Ohren der Esel ähneln denen der Pferde, sind aber weitaus länger als diese und meist auch stärker behaart.

Der Verwendung des Begriffs Eselsohr für die umgefaltete Heftseitenecke muss deskriptive Ungenauigkeit attestiert werden. Die kleinen, dreieckigen (stets nach vorne gefalteten) Heftecken müssten, wollte man sich eines Bildes aus dem Tierreich bedienen, eigentlich Koalabärenohren heißen. Sie sehen den putzigen Hörlappen der Eukalyptusblattfresser weit ähnlicher als den langen, schotenförmigen Lauschern der neunmalklugen Esel. Das Englische ist hier um einiges genauer und spricht von dog ears, Hundeohren.

Woran mag es liegen, dass im Schulheftbeschädigungsbereich seit Generationen mit gänzlich ungeeigneten Begriffen hantiert wird? Ganz einfach: Eselsohren sahen früher tatsächlich wie Eselsohren aus. Sie waren lang und eingerollt, nicht kurz und dreieckig wie heute. Schulkinder unserer Urgroßelterngeneration hatten andere Lehrbehelfe als heute. Die Seiten der Schulhefte waren aus anderem Papier gemacht, die Fasern liefen anders durch die Heftseiten als heute. Eselsohren entstanden fast von selbst, ohne Zutun der Schulkinder. Man konnte meinen, das Papier selbst hätte die Lust am eselsöhrigen Gerolltsein.

Heutiges Papier dagegen ist dröge und faul, koalabärenhaft geradezu. Mit dem Eselsohr, wie auch der Eselsecke, dem Strafwinkerl, verband sich früher die Anmutung der Störrischkeit, der Dummheit. Die langen Spitzen der mittelalterlichen Narrenmütze symbolisierten ursprünglich Eselsohren. Eselsohren trägt auch der Weber Niklaus Zettel, dessen Kopf ein gewisser Puck in den eines Esels verwandelt. Ein Sommernachtstraum!


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