Menschen

Ein Trauerspiel

Falters Zoo | Ingrid Brodnig, Christopher Wurmdobler | aus FALTER 08/13 vom 20.02.2013

Bildbeschreibung: Wir sehen einen betagten ehemaligen Weltstar. Das blond gefärbte, schlecht frisierte Haar könnte Jugendlichkeit signalisieren wollen. Wie es sich für einen ehemaligen Weltstar gehört, trägt der Mann Sonnenbrille; das Karohemd mit dem offenen obersten Knopf zum Sakko könnte man eben noch als lässig durchgehen lassen. Oder als modische Torheit. Ihn begleitet ein faltiger alter Mann, in dessen Blick eine gewisse Gereiztheit zu erkennen ist, aber auch Stolz (kleinkariertes Hemd, gestreifte Krawatte, Sakko). Über der rechten Schulter des ehemaligen Weltstars erkennen wir einen jüngeren blonden Mann mit Mittelscheitel. Er scheint die Szene arrangiert zu haben und auch zu kontrollieren. Im Bildvordergrund: ein Security, der streng über den Rand seiner dunklen Sonnenbrille blickt. Er soll, ebenso wie die zahlreichen Fotografen, der ganzen Szenerie Bedeutung und Wichtigkeit verpassen. Verdeckt von einem Kameraobjektiv ist eine blonde Frau zu sehen. Sie trägt eine helle Bluse, deren Knöpfe nicht alle geschlossen sind. Es soll so aussehen, als habe der Ex-Weltstar im Zentrum des Bildes ihr eine rote Rose überreicht. Tatsächlich ist es aber wohl so, dass sie den ganzen Strauß bereithält. Genau: Helmut Berger war in Wien. Der Einkaufscenterbetreiber Richard Lugner lud ihn auf medienwirksames Zähnebleichen, Rosenverteilen und Clubbesuchen ein. Der Rosenkavalier? Ein Trauerspiel in drei Akten.

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Auch traurig: Österreich und der Song Contest. Vergangene Woche entschied sich, wer Malmö rocken wird. Das mit dem Rocken ist offizielle Sprechweise ("Österreich rockt den Song Contest“ hieß die TV-Show). Gewonnen hat den Quatsch jedenfalls Natália Kelly, ein bedauernswertes Geschöpf, Amerikanerin in Bad Vöslau, in das aber wohl glücklicherweise niemand große Erwartungen setzt. Unsere Prognose für Kellys Titel "Shine“: Halbfinale in Schweden Mitte Mai. Und dann: nicht sein, oder?

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Und nun müssen wir unsere Liebe gestehen - zu Moderator Dirk Stermann. Der hat zum zehnten Mal den Protestsongcontest im Wiener Rabenhof moderiert (siehe auch S. 32) und angekündigt, dass es das letzte Mal war. Was für ein Verlust! Dank Stermann ist die Veranstaltung jedes Mal aufs Neue lustig. Zum Beispiel, wenn er über sein eigenes Alter (und das von Jurymitglied Martin Blumenau) lästert. Oder wenn er allen Finalisten seit zehn Jahren immer dieselbe Frage stellt, ohne dass es peinlich wird. Nämlich: "Worum geht es in deinem Song?“ Stermann ist eben ein cooler Hund und verfügt außerdem über die wichtigste Eigenschaft eines Moderators: Er weiß auch, wann er die Klappe halten soll. Heuer traten zum Beispiel die Refugees aus der Wiener Votivkirche an und sangen für ihr Bleiberecht in Österreich. Ganz schön bewegend. Und zum ersten Mal in der Geschichte des Protestsongcontest fragte Stermann nicht, worum es in ihrem Lied geht. Stattdessen rief er: "Merci beaucoup!“ Wir rufen: Danke, Stermann, für zehn schöne Jahre! Vielleicht kommt ja doch noch ein elftes?

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Ach und dann auch noch das: ein Nobeldieb beim Opernball. Ausgerechnet Opernballmutter Desirée "Desi“ Treichl-Stürgkh (DTS) wurde das Ballhandtäschchen aus der Loge gemopst, als sie sich auf der Tanzfläche vergnügte (vielleicht hat sie das Teil aber auch nur wieder irgendwo angebaut, so wie die Ohrringe). Ja, was laufen denn auf dem Ball der Bälle für fürchterlich gemeine Menschen herum!? Unser Vorschlag für den Opernball 2014: abschließbare Kästchen wie im Freibad, wo man seine Wertsachen verstauen kann. Wir sind traurig.

E-Mail an den Zoo: zoo@falter.at


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