Tiere

Essen ist pfertig!

Falters Zoo | aus FALTER 08/13 vom 20.02.2013

Wer den Skandal hat, braucht sich um Witze nicht zu sorgen. Die besten Wuchteln: Der Verzehr von Fertigprodukten ist gesundheitsgepferdend. Und: Pferdefleisch-Skandal breitet sich weiter aus, nun auch Seepferdchen in Fischstäbchen gefunden.

Sehr lustig. Irritierend hingegen ist der Fokus der medialen Berichterstattung. Einerseits wird der Konsum von Pferdefleisch als zeitgemäß, weil fettarm und vitaminreich, empfohlen. Andererseits erinnert man an den Gammelfleischskandal. "Lernen Sie Geschichte, Herr Redakteur!“, möchte man da wie weiland Bruno Kreisky ausrufen. Denn die Geschichte des Pferdefleischtabus wiederholt sich seit vielen hundert Jahren. Pferde sind keine Wiederkäuer und damit schlechte Futterverwerter.

Diese Unpaarhufer verbrauchen ein Drittel mehr Gras als Rinder oder Schafe, um ein Kilo Muskelmasse aufzubauen. Daher wurden sie auch erst lange nach den anderen Haustieren domestiziert. Und dies auch nur, weil man vor circa 3000 Jahren ihren militärischen Nutzen erkannte. Zuerst als schnelle Zugtiere vor den Streitwägen und dann direkt auf ihren Rücken ließen sich Kriege gewinnen. Wer Pferde aß, vernichtete also "Waffen“. Seit dem Mittelalter galt daher in Europa ein päpstliches Verbot, Pferdefleisch zu konsumieren. Nur inoffiziell wurden altersschwache und verletzte Pferde von den unteren Schichten der Bevölkerung als Proteinquelle verwertet.

Den Geruch eines Arme-Leute-Essens behielt Pferdefleisch auch nach dem Ersten Weltkrieg bei, als diese Tiere in den Armeen bereits durch Panzer ersetzt worden waren. Ebenso verhinderten die Interessen der Rinder- und Schweinezüchter, dass dieses vergleichsweise süße und zarte Fleisch in größeren Mengen den Markt versorgen konnte. Da es keine offizielle Pferdefleischbeschau gab, rentierte es sich auch schon damals, Würste und Faschiertes mit billigerem Pferdefleisch zu strecken.

In den Medien wurde in den 1920er-Jahren das öffentliche Misstrauen gegen Pferdefleisch bedient und in Berichten über die unhygienischen Zustände im eigentlichen Sinn des Wortes ausgeschlachtet.

Also eigentlich nichts Neues im Westen. Es verdichtet sich aber bei vielen Menschen zunehmend das Gefühl, dass man mit täglichem Fleischkonsum nicht mehr zu einer verfeinerten Lebensart beiträgt.

Lieber den Pferden das Getreide wegessen.

iwaniewicz@falter.at

zeichnung: püribauer.com


Diese Artikel könnten Sie auch interessieren:


Anzeige

Anzeige