Überzeugend untergehen. Der große Raunzer am Grazer Schauspielhaus

LEXIKON | KRITIK: HERMANN GÖTZ | aus FALTER 08/13 vom 20.02.2013

Der Bühnenraum ist aufgerissen, einfache Stühle und metallene Klappnotenständer bestimmen die Szenerie. Nebst zwei schwarzen Stutzflügeln, die von Bence Földi und Simon Schuller mit Georges Bizets "Variations Chromatiques" bedient werden.

Dorothee Curio hat für Christiane Pohles Inszenierung des Thomas-Bernhard-Romans "Der Untergeher" (Di, 19.30 Uhr) eine Ausstattung bereitgestellt, die viel Raum schafft. Den braucht der semifiktionale Bernhard-Text auch, um sich auszubreiten, sich zu entwirren und in wortreich instrumentierten Schleifen das Thema zu umkreisen: die große Kunst der Verneinung. Oder wie zwei angehende Klaviervirtuosen am Genie Glenn Goulds zerbrechen. Graz-Gast Christoph Luser (siehe auch Interview S. 44) gibt den Erzähler, als wäre er selbst sein halbes Leben in Ohlsdorf an der großväterlichen Heimatschriftstellerschreibmaschine gesessen: als hölzernlakonischen Übertreibungsvirtuosen.

Ihm gegenüber Sebastian Reiß, der Untergeher, und Claudius Körber als Glenn Gould -beide in Höchstform. Birgit Stöger und Gerhard Balluch überzeugen in weiteren Rollen. Und auch wenn der eine oder andere Einoder Zwischenfall den dramatischen Fluss hemmt, der da über die Bühne rauscht -insgesamt ist echt eindrucksvolles Theater gelungen. Ein konsequenter, hoch konzentrierter Abend. Pohles Dramatisierung überzeugt, weil sie Bernhards Text versteht. Soll heißen: als Musik versteht. Bernhards Verneinung verneint sich selbst, sie versöhnt sich in der Schönheit der eigenen Sprachmusik. Die Regie hat diese Zauberformel des großen Raunzers ganz seiner Natur gemäß auf die Bühne gerückt. Eine Erfüllung.


Diese Artikel könnten Sie auch interessieren:


Anzeige

Anzeige