"Es muss funky sein"

Klassisches Ballett goes Pop: der Choreograf von "Swan Lake Reloaded" im Gespräch

Lexikon | INTERVIEW: SEBASTIAN FASTHUBER | aus FALTER 08/13 vom 20.02.2013

Fredrik Rydman wurde als Tänzer zum Star. Der 38-jährige Schwede hat die Streetdance-Gruppe Bounce mitbegründet und für Popstars wie Robyn gearbeitet, nebenbei ist er Juror in TV-Shows. Mit "Swan Lake Reloaded" hat er das berühmte Ballett ins frühe 21. Jahrhundert transportiert. Der Abend ist so laut wie unterhaltsam, ohne auf plumpe Effekte zu setzen. Weil die Produktion in Stockholm ein Renner war, tourt sie nun durch den deutschsprachigen Raum; in Wien gastiert "Swan Lake Reloaded" im Museumsquartier.

Falter: Wie kamen Sie auf die Idee, "Schwanensee" zu bearbeiten?

Fredrik Rydman: Durch einen Zufall. Ich war vor Jahren in London engagiert und lief tagsüber durch die Stadt. Die Auslage eines Secondhandladens war voller weißer Pelze, ganz dem Klischeebild der Kleidung von Prostituierten entsprechend. Mir fiel auf, dass die Pelze wie Schwäne aussehen. So kam ich auf "Schwanensee" und auf die Idee, aus Rotbart einen Zuhälter und Dealer zu machen.

Geschichte, Choreografie und Musik müssen ineinandergreifen. Wie haben Sie das Stück erarbeitet?

Rydman: Insgesamt hat es zweieinhalb Jahre gedauert. Zuerst habe ich mir die Story ausgedacht. Die Ausarbeitung der einzelnen Szenen war teils sehr kompliziert. Manchmal habe ich mich auf Tschaikowskis Musik verlassen, oft aber musste neue Musik her.

Sie vermischen Tschaikowski mit neuen Stücken zwischen Elektro, Hip-Hop und Pop. Eine Herausforderung?

Rydman: Ich habe "Schwanensee" auch schon klassisch getanzt. Ich liebe die Musik und wollte unbedingt Teile davon behalten, vor allem für die lieblichen Passagen. Aber viele Teile von "Swan Lake Reloaded" verlangten nach moderner, harter, kraftvoller Musik. Daher dieser Mix.

Auch bekannte schwedische Popmusiker wie Moneybrother haben mitgemacht.

Rydman: Ich habe als Choreograf für Videoclips gearbeitet und kenne deshalb viele Leute aus der Szene. Im Vorfeld des Stücks habe ich in so manchem Wohnzimmer getanzt, um den Musikern zu vermitteln, welches Gefühl ich von ihren Songs haben wollte. Das Feintuning dauerte am längsten, schließlich muss die Musik genau zu den Bewegungen passen. So ähnlich muss es sein, einen Filmsoundtrack zu machen.

Das Ballettpublikum gilt als eher schwierig. Wie waren die Reaktionen in Schweden?

Rydman: Eine prominente Tänzerin sagte, "Swan Lake Reloaded" stelle fast schon eine Vergewaltigung des Stoffes dar. Da wusste ich: Wir haben gute Arbeit geleistet! Davon abgesehen hat sich das Publikum als sehr offen erwiesen, von Teenagern bis zu ihren Großeltern ist alles vertreten. Sonst wären wir in der ersten Saison auch nicht auf über 40.000 Besucher gekommen.

2000 inszenierte Liz King an der Wiener Volksoper "Schwanensee Remixed". Das war ein Erfolg, setzte aber weniger auf Entertainment als Ihre Fassung. Sind Sie ein Crossover-Mann?

Rydman: Leider kenne ich diesen "Schwanensee" nicht. Mein Background ist sehr gemischt, was sich auch in meiner Arbeit ausdrückt. Ich sehe keinen Widerspruch zwischen Experiment und Entertainment. Wenn etwas gut ist, dann ist es gut. Und wenn es schlecht ist, dann ist es eben schlecht. Nur darauf kommt es an.

Das Publikum gewinnen Sie schon mit der Eingangssequenz, in der Rotbart auf dem Handy seine Kontakte abruft.

Rydman: Ich wollte damit gleich zu Beginn zeigen, dass es sich um eine moderne Geschichte handelt, die sich jetzt in diesem Moment irgendwo da draußen auf der Straße ereignen könnte. Es handelt sich zwar immer noch um ein Märchen, aber die Zuseher sollen einen Bezug dazu herstellen können.

Auffällig ist, dass nicht nur ganz dünne Tänzerinnen und Tänzer auf der Bühne stehen. Eine bewusste Wahl?

Rydman: Auf jeden Fall. In erster Linie geht es darum, gute Tänzer zu haben. Aber gerade die drei Prostituierten sollten ganz verschiedene Typen sein, damit es realistischer wirkt. Die größte Schwierigkeit war, Leute zu finden, die sich im klassischen Ballett zurechtfinden und gleichzeitig einen gewissen Schwung reinbringen. Es muss funky sein.

Ist Ihre Arbeit ein schwedischer "Schwanensee"?

Rydman: Darüber habe ich noch gar nicht nachgedacht. Es gibt einige sehr traurige Momente darin, eine tiefe Melancholie. Auf der anderen Seite geht es um Spaß. Denken Sie an Abba; ich glaube, diese Mischung ist schon typisch schwedisch.

Museumsquartier, Halle E, 26.2. bis 3.3.


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