Theater Kritik

Zwanzig Jahre nach "Angels in America"

Lexikon | aus FALTER 08/13 vom 20.02.2013

Der amerikanische Dramatiker Tony Kushner wurde vor 20 Jahren mit dem Zweiteiler "Angels in America" berühmt. US-Zeitgeschichte und homosexuelles Leben wurden darin in Form von pointierten Wellmade-Dialogen verhandelt. Kushners neues Stück (2011) trägt den barocken Titel "Ratgeber für den intelligenten Homosexuellen zu Kapitalismus und Sozialismus mit Schlüssel zur Heiligen Schrift" und funktioniert im Prinzip ähnlich -nur das Bedrohungsszenario hat sich geändert. In "Angels in America" bildete die Aidsepidemie den düsteren Hintergrund, jetzt ist es die Kapitalismuskrise.

Schauplatz des Zimmer-Küche-Dramas ist das New Yorker Haus des alten Italoamerikaners Augusto "Gus" Marcantonio, der seine drei erwachsenen Kinder zum Familienrat geladen hat. Der pensionierte Gewerkschafter und Kommunist Gus (eine schöne Rolle für Erich Schleyer) ist aus persönlichen und politischen Gründen lebensmüde und möchte sich den Selbstmord sozusagen von der Familie absegnen lassen. Die aber hat noch ganz andere Sorgen. Der schwule Sohn (Hans Piesbergens erster Volkstheater-Auftritt seit den 80er-Jahren) ist im Wortsinn konsumgeil und findet Sex nur gut, wenn er dafür seinen Stricher (Robert Prinzler) bezahlen muss. Die lesbische Tochter (Claudia Sabitzer) schläft lieber mit ihrem Exmann (Patrick O. Beck) als mit ihrer schwangeren Geliebten (Martina Stilp). Deren Samenspender war Gus' jüngster Sohn (Roman Schmelzer) - wobei der Samen, wie sich im Lauf des Stücks herausstellt, auf durchaus konservative Weise gespendet wurde. Und so weiter.

Die österreichische Erstaufführung im Volkstheater (Regie: Elias Perrig) bietet unterhaltsames Schauspielertheater. Dafür, dass das Stück ein deutlich kleinerer Wurf als "Angels in America" ist, kann sie ja nichts. WK Volkstheater, Mo, Mi 19.30


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