Logbuch

Die Wiener sind viel netter, als man glaubt

Kolumnen | Doris Knecht | aus FALTER 09/13 vom 27.02.2013

19.2. Glückskeks: "Prepare for a sudden needed and happy change in plans."

22.1., 0.48 Uhr: Der junge Herr ist sehr nett. Er kommt gerade von einem Konzert mit seiner Band. Eben wusste ich noch, wie die Band hieß, er hat gesagt, ich solle mir das bitte merken, und gleich fällt's mir wieder ein, gleich. Drei Wörter, guter Name. Wir plaudern. Eine freundliche junge Frau gesellt sich zu uns und fragt, ob alles o.k. ist, diese Unterhaltung sieht ihr wohl etwas suspekt aus. Die Menschen in Wien sind viel freundlicher, als immer behauptet wird. Der junge Herr sagt mir noch einmal, wie seine Band heißt. Ich unterhalte mich gern mit ihm, auch wenn's mir lieber wäre, wenn ich dabei nicht auf einem feuchten, kalten Gehsteig auf dem Rücken läge. Es fängt gerade an zu schneien, und die Kälte kriecht mir vom Boden langsam durch den Parka in den Rücken. Ich versuche, eine einigermaßen würdevolle Haltung einzunehmen, was misslingt.

Ich war mit der Ritterin im Wetter, es war nett und lustig, wir hatten uns schon länger nicht gesehen und drei oder vier Achterl gemischten Satz vom Christ, nicht arg, alles im grünen Bereich. Danach hatte ich mich von der Ritter verabschiedet, war aufs Radl gestiegen, zu meiner Werkstatt gefahren, hatte das Rad abgestellt und den Laptop aus der Werkstatt geholt. Dann wollte ich wieder auf das Rad steigen. Der junge Herr, der eben des Weges kam, hat "HU!!!" gerufen oder "HEILIGER!" oder sonst einen Ausruf überraschten Schreckens getan, als ich mit den Stiefeletten vom nassen Pedal abrutschte und samt dem Rad zu Boden ging, das Rad scheppernd, ich fluchend. Wahnsinnig peinlich, das.

Geht schon, nana, danke, geht schon, nix passiert. Ging aber nicht, sodass man dann doch bereit gewesen wäre, das Angebot des Herrn, einem beim Aufstehen zu helfen, anzunehmen, aber mit seiner Hilfe ging es auch nicht. Kleiner Schmerz im linken Haxen. Man teilt dem jungen Herrn mit, man wolle lieber noch ein wenig liegen bleiben, es werde gleich besser, man brauche nur noch einen Moment.

Die junge Frau fragt, wo es wehtut. Im linken Fuß ein bisserl, geht gleich wieder. Wo genau. Da: Man zieht den Schuh aus, das ist nicht angenehm, und der Fuß steht zum Haxen in einem originellen Winkel. Der junge Herr ruft die Rettung. Die junge Frau sperrt mein Radl ab. Man fängt allmählich an zu begreifen, dass dieser Moment den Beginn einer großen Hilflosigkeit markiert. Happy change, stand in dem Glückskeks, happy!!! Die Rettung kommt, man packt mich auf eine Bahre.

23.2., 14.50 Uhr: Das Fenster im Wilhelminenspital ist ein Drittel Föhre, vom Schnee schwer gedrückt, zwei Drittel trübes Grau. An der Wand hängen nebeneinander eine Uhr, ein Notausgangszeichen und ein Kreuz. Ich habe jetzt eine Platte und eine Schraube in meinem Knöchel. Morgen darf ich heim. Mir fällt noch ein, wie die Band hieß, es fällt mir fix wieder ein.


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