Kritik

Körperkomik statt Wortwitz: dirty Nestroy

Lexikon | aus FALTER 10/13 vom 06.03.2013

Dafür, dass Johann Nestroy als Österreichs Shakespeare gilt, wird er an Österreichs Nationalbühne selten gespielt. Die letzte Nestroy-Inszenierung am Burgtheater, Martin Kušejs "Höllenangst“, ist mehr als sechs Jahre her. Und im Akademietheater stand überhaupt seit Jahrzehnten kein Nestroy mehr auf dem Spielplan. Jetzt ist es wieder so weit: David Bösch inszenierte Nestroys vielleicht bestes Stück "Der Talisman“, und schon von Anfang ist klar, dass das kein konventioneller Nestroy wird. Die Bühne (Patrick Bannwart) ist total versaut, der Theatervorhang genauso dreckverschmiert wie die rothaarige Magd Salome Pockerl, die halbstarke Dorfjugend verhöhnt sie mit passendem Liedgut ("Rostiger, die Feuerwehr kommt!“). Willkommen im Lumpenproletariat!

Zur drastischen Ästhetik passt auch die derbe Körperkomik der Inszenierung. Dass der Wortwitz dagegen etwas zu kurz kommt, tut dem Stück eigentlich sogar ganz gut; viele Nestroy-Aufführungen leiden ja darunter, dass die sprachliche Brillanz dem Theater im Weg steht. Mit Johannes Krisch als Titus Feuerfuchs und Sarah Viktoria Frick als Salome Pockerl ist das Traumpaar aus Böschs toller Kroetz-Inszenierung "Stallerhof“ wieder im Einsatz. Gut so. Lustiger aber sind die liebeshungrigen Witwen, die dem verkappten Roten verfallen: Regina Fritsch als rabiate Gärtnerin (mit Kettensäge!), Maria Happel als Lederdomina und Kirsten Dene als meschuggene Landadelige.

Schwachpunkt des von inszenatorischer Fantasie überbordenden Abends sind die Couplets. Sie werden von einer Zweimanncombo (Bernhard Moshammer, Karsten Riedel) mit schrottigem Rock unterlegt und von den Schauspielern betont unmusikalisch interpretiert; auf müde aktuelle Anspielungen wurde leider nicht verzichtet. Konsequenter wäre gewesen, die Couplets ganz zu streichen. WK

Akademietheater, Sa 20.00, Mo, Mi 19.30


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