Neu im Kino

Serienkiller im Wohnmobil, Kleinbürger im Serienkiller

Lexikon | Joachim Schätz | aus FALTER 10/13 vom 06.03.2013

Jacques Tati wusste es: Selten sind Menschen so angespannt wie beim Versuch, einen unvergesslichen Urlaub zu haben. Das erste Mal als Paar zu verreisen so wie Tina und Chris kann den Druck noch erhöhen. Der Wille zum Glück ist bei den beiden verhuschten "Sightseers“ aber so stark ausgeprägt, dass nicht einmal gewisse mörderische Neigungen die Wohnmobilidylle im beschaulichen Yorkshire trüben können. Das Töten missliebiger Schmutzfinken und Besserwisser wird im Verlauf der Tour zwischen Steinfeld und Bleistiftmuseum gar zum Anker der Beziehung.

Eine Komödie über zwei Provinzoriginale im Blutrausch und Strickpullover - das hört sich böse nach wohlig-herablassendem Schrullenkino an. Hauptdarsteller und Autoren Alice Lowe und Steve Oram geben den Figuren, die sie erfunden und auf Comedy-Bühnen entwickelt haben, aber nicht nur groteske Chemie, sondern auch ein glaubwürdig fragiles Anziehungs- und Kräfteverhältnis. (In der deutschen Fassung sprechen Anke Engelke und Bjarne Mädel.) Auf erfrischende Unwucht setzt auch Jungregisseur Ben Wheatly, der zuletzt für sein hakenreiches Genre-Dingsda "Kill List“ (2011) gefeiert wurde. In "Sightseers“ treffen Montageausbrüche auf ausfransendes Improvisationsspiel, wuchtige Naturbilder auf gern auch mal billige Bildpointen. Dialog-Gegenschüsse auf ein Hündchen sind dem Film im Zweifelsfall nicht zu blöd.

Zu den falschen Fährten, die "Sightseers“ im Minutentakt streut, gehören auch die Andeutungen sozialer Analyse. Das Schlingern zwischen den Registern ist Tina und Chris angemessen: Im Morden sehen sie eine Chance, sich neu zu erfinden. Weil man aber auch als Serienkiller Kleinbürger sein kann, bleibt das Urlaubsvergnügen nicht ungetrübt.

Ab Fr in den Kinos (OmU im Votiv)


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