Noch im Kino

Close-ups des Lebens und Sterbens: "Leviathan“

Lexikon | Michael Pekler | aus FALTER 10/13 vom 06.03.2013

Seinen Anfang nahm dieser Film in der Hafenstadt New Bedford, Massachusetts. Geplant war ein Dokumentarfilm über die moderne Fischerei im Nordatlantik, und die alte Walfängerstadt und Schauplatz von Herman Melvilles "Moby Dick“ schien dafür ein passender Ausgangspunkt. Doch wie der Filmemacher und Anthropologe Lucien Castaing-Taylor in einem Interview meinte: "Once we started filming on the boat, we lost interest in the land.“ Zu diesem Zeitpunkt war seine Co-Regisseurin Véréna Paravel bereits mit an Bord, und im Verlauf von insgesamt sechs Ausfahrten mit einem der Fischerboote entstand mit "Leviathan“ ein Film, der ebenfalls alles diesbezüglich Vertraute hinter sich lässt.

Zu Beginn herrscht das Gefühl absoluter Orientierungslosigkeit, wenn sich aus dem Schwarz der Nacht nur langsam Konturen herausschälen, während ein Dröhnen von Maschinen die Tonspur regiert. Schwere Eisenketten werden über Bord gezogen, Stirnlampen sorgen für über das Deck irrende Lichter, vereinzelt sind unverständliche Stimmen zu vernehmen. Die nächsten eineinhalb Stunden folgt "Leviathan“ diesem Prinzip der unmittelbaren Überwältigung, hervorgerufen durch mehrere auf dem Schiff verteilte wasserdichte Digitalkameras, die aus jeder nur erdenklichen Perspektive, meist aber in extremen Close-ups, das Leben und das Sterben an Bord aufzeichnen.

Das Bemerkenswerte an diesem Film, der seit geraumer Zeit auf Festivals für Aufsehen sorgt, ist aber weniger seine schwindelerregende Sogwirkung, sondern das Zusammenfallen von Archaik und Ästhetik: Gerade der hochindustrialisierte, mit jedem Einholen der Netze ein Massensterben verursachende Fischfang und die hochmobilen, mit jedem Bild einen kleinen Schock auslösenden Kameras sorgen für jenes Monster von Film, das sein Titel verspricht.

Ab Fr im Gartenbau (OmU)


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