Orpheus besucht das Theater am Lend und zeigt, dass er nicht nur tanzen kann

Lexikon | Kritik: Hermann Götz | aus FALTER 10/13 vom 06.03.2013

Da ist Orpheus, der größte aller Sänger, der Liebende. Und der tragische Verlierer seiner Eurydike. Und da ist Lisa Horvath, die Bühnen- und Kostümgestalterin aus Graz mit ihrer Idee eines Orpheusprojekts, das unterschiedlichste künstlerische Ausdrucksmöglichkeiten vereint. So hat jener Mann, der laut antiker Mythologie nicht nur den Gesang erfand, sondern auch den Tanz und die ganze Musik gleich dazu, eine Reihe Kreativer im Theater am Lend zusammengeführt. Darunter die Tänzerin Jessie Servenay oder die Kontrabassistin Margarethe Maierhofer-Lischka. Andrés Gutierrez steuerte die Komposition bei, Marian Weger das interaktive Sounddesign, Klaus Seewald führte Regie.

Zum Beginn von "Orpheus und Eurydike“ (6. und 7.3., 20 Uhr) teilt ein großer weißer Kubus die Bühne, Tänzer und Instrumentalisten führen zwei Zwiegespräche, die ein unsichtbares Band verbindet. Dann wird der Kubus zum Schattenreich, in das Orpheus seine Sehnsucht trommelt, weil Eurydike darin verschwunden ist - bis die weißen Wände einem Herz gleich pulsieren, sich öffnen und eine neue, tönende Skulptur freigeben. Horvaths Bühneninstallation entblättert sich und entpuppt sich dabei als erbarmungslose Hades-Apparatur, in der sich der Liebende verfängt.

Das Erstaunlichste an diesem Abend ist die gleichberechtigte Präsenz der Künste, das Ineinandergreifen der Liebes- und Totentänze, der dreifaltigen Musik aus Improvisation, im Tanz generierten Sounds und Toneinspielungen - und der Bühnenskulptur. Jeder spielt eine Hauptrolle und ist den anderen zugleich Begleitung. Eine Versuchsanordnung, die überrascht und überzeugt.


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