Wieder gelesen

Politik | Wolfgang Zwander | aus FALTER 10/13 vom 06.03.2013

Bücher, entstaubt

Die Herrschaft der Sportbar

Was ist da in Italien eigentlich los? Jeder fünfte Wähler stimmte bei der Parlamentswahl für den Polemiker und Exkomiker Beppe Grillo, jeder vierte für den gelifteten Greis Berlusconi, der Italien zuvor jahrelang mit Lust in die Pleite regiert hatte. "Wir Italiener sind heute in einer Situation“, schrieb der Essayist Sergio Benvenuto 2010, "in der wir verstehen können, warum ein paar altgriechische Denker der Demokratie misstrauten: weil sie dazu neigt, in Tyrannei abzudriften.“

Dieses Abdriften offenbart sich für Benvenuto in der "Herrschaft der Sportbar“. Die Sportbar sei in Italien der Ort der freien Rede, der Möglichkeit, über den anderen alles Gemeine sagen zu dürfen: über Schwule zu lästern, Frauen Huren zu nennen.

Bisher sind die Prolls in der Bar die Zukurzgekommenen gewesen. Heute sind sie das immer noch, aber ihre dumpfen Ressentiments sind von Politikern als ideales Mittel erkannt worden, um Macht anzuhäufen und zu legitimieren. Die TV-Populisten würden die Massen permanent in ihren dümmsten Vorurteilen bestätigen, um die Menschen zu "narkotisieren“ und von der politischen Wirklichkeit fernzuhalten.

Sergio Benvenuto: Gehirne im Tank. In: Lettre International, Nr. 89, € 11,90


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