Logbuch


Das sind keine leeren Drohungen

Kolumnen | Doris Knecht | aus FALTER 10/13 vom 06.03.2013

24.2., 23.15 Uhr. Es gibt Menschen, die können eine Reisetasche so im Flur abstellen, dass sie unmissverständlich sagt: Glaub nur nicht, dass es sich jetzt zehn Tage Extrawurst spielt, nur weil du einen Spaltgips hast und auf Krücken gehst. Das Krankenhaus hat mich entlassen, und auch der Lange ist von seiner Dienstreise zurück. Die Mimis sind erleichtert, auch wenn glücklicherweise die Oma da war und sich gekümmert hat. Sie waren sehr blass um die Nasen, als sie mich im Spital besucht haben: einerseits, weil es ihnen die Sterblichkeit des Menschen an sich fühlbar macht, wenn an der Mutter plötzlich etwas kaputtgeht. Andererseits, weil zumindest eins der Mimis irrsinnig gut mit Krankenhaus und Krankheit umgehen kann, solange es selbst im Mittelpunkt liegt. Das Siechtum anderer dagegen schlägt ihr so sehr auf den Magen, dass die Oma mit dem armen Mauserl an die frische Luft musste. Und um Gottes Willen, Mutter, tu den Haxn wieder in den Gips, das sieht total ekelhaft aus. Es ist schön, wenn die Familie so hinter einem steht und einen auf ihrer Liebe und ihrem Mitgefühl durch die schwierigeren Zeiten trägt.

26.2., 8.17 Uhr. Es brauchte eine kleine, dezibelstarke Ansprache, um die Reisetasche aus dem Flur und den Langen zur Raison zu bringen. Jetzt ist es gut. Jetzt ist er super.

1.3., 11.55 Uhr. Fast zwei Stunden habe ich gebraucht, um mich für ein ORF-Interview anzuziehen und anzumalen und all die Dinge, die man so braucht, wenn man das Haus verlässt, in einem umgehängten Stoffsackerl aus den verschiedenen Zimmern zusammenzusuchen. Es ist alles dreimal so beschwerlich wie normal. Fünf Minuten bevor man mich abholen kommt, wird mir eine der Krücken hinich, und ich bin nicht mehr hilflos wie bisher, ich bin jetzt vollkommen hilflos. Als die ORF-Redakteurin klingelt, sitze ich im Vorzimmer und die Schminke läuft mir übers Gesicht.

14.10 Uhr. Nachdem die Redakteurin mir beim Bständig eine neue Krücke erobert hat, lässt man mich darauf so lange vor der Kamera auf und ab krückeln, bis mein Fuß doppelt so dick ist wie vorher. Selber schuld, sagt der Lange. Ja eh.

2.3., 9.30 Uhr. Ich bin ja gerne selbstständig, außer wenn ich Post von der SVA bekomme oder wenn ich krank bin. In eineinhalb Stunden kommt eine junge Schweizer Kollegin zum Interview, jetzt werfe ich den Laptop, in den ich gerade eine Kolumne tippe, aufs Bett, stemme mich auf die Krücken und hopshumple in riskantem Tempo aufs Klo, um dort die Schmerztabletten wieder auszuspeiben, die man tatsächlich nicht auf nüchternen Magen nehmen soll, das sind keine leere Drohungen. Danach humple ich zurück und arbeite weiter. Ich will nicht wehleidig klingen, aber ich habe mir das Invalidsein gemütlicher vorgestellt.

3.3., 16.35 Uhr. Freude vorm Fernseher. "Und was die Menschen sprechen, ist immer richtig.“ Auch dahinter, Kurt Scheuch, würde ich mein Kreuzerl eher nicht setzen.


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