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Politik | Stefan Hayden | aus FALTER 11/13 vom 13.03.2013

Bücher, kurz besprochen

Wallisch erhängt, Hofer erschossen

Ein Mann lehnt an einer Gefängnismauer, den Blick gesenkt, die Stiefel im Schnee. Zwei Soldaten mit geschulterten Gewehren bewachen ihn. "Zwei Stunden vor seinem Tod“ steht auf der Fotografie. Ein Wiener Fleischhauer erhängt am 19. Februar 1934 kurz vor Mitternacht den Arbeiterführer Koloman Wallisch.

Am nächsten Tag wird Andreas Hofer in Mantua erschossen. 124 Jahre früher zwar, im Buch "365 Schicksalstage“ aber Seite an Seite. In dem Gedächtniskalender Österreichs werden jene Ereignisse versammelt, "die dem rot-weiß-roten Nationalmythos Inhalt und Kontur verliehen haben“. Es entsteht ein Sammelsurium unterschiedlichster Einträge. Man sieht grimmige Skifahrergesichter, erfährt, warum Leopold Figl 1961 vergeblich auf eine sowjetische Zuchtsau wartete, oder liest, wie der k.u.k. Ministerpräsident Karl Graf Stürgkh beim Kaffeetrinken erschossen wurde.

Gerade der Sprung durch Zeiten und Themenkomplexe sowie die immer dicht und eindringlich geschilderten Szenen verführen zum Lesen. Wie endet das Erinnerungsjahr? Mit einem jungen Kaiser, der zu Silvester die Verfassung begräbt.

Johannes Sachslehner: 365 Schicksalstage. Der Gedächtniskalender Österreichs. Styria, 453 S., € 29,99


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