Enthusiasmuskolumne  Diesmal: das beste Paralleluniversum der Welt der Woche

Das kleine Tschocherl in unserer Straß’n

Feuilleton | Wolfgang Kralicek | aus FALTER 11/13 vom 13.03.2013

V iele kaufen den Augustin hauptsächlich, um dem Verkäufer eine Freude zu machen. Das ist okay, weil es dem Verkäufer wurscht sein kann. Es ist aber auch unfair, weil im Augustin zwischen viel Obskurem auch wirklich lesenswerte Artikel stehen. Vor allem erscheint dort der "Tschocherl-Report“ von Arthur Fürnhammer (Text) und Peter M. Mayr (Fotos). In dieser Serie werden Lokale besprochen, die für Gourmetkritiker schon deshalb kein Thema sind, weil dort höchstens Toast angeboten wird. Ins Tschocherl geht man nicht zum Essen, sondern auf ein Achtel oder ein Seidel, wobei es meist nicht bei einem bleibt.

"Tschocherl sind anders“, heißt es in der mitgelieferten Begriffsdefinition. "Die Speisenauswahl ist fleischlastig, ohne vegetarische Alternative und weder bio, ethno noch slow. Tschocherl sind deklarierte Raucherlokale. W-LAN ist darin ein Fremdwort, genauso wie modische Kaffeevariationen à la Caffé Latte und Latte Macchiato.“

Tschocherl gibt es an jeder Straßenecke. Die meisten wirken so wenig einladend, dass man sich gar nicht reintraut. Wer es dennoch tut, betritt ein Paralleluniversum. Es wird von Quartaltrinkern und anderen Überlebenskünstlern ("außer Krebs und Aids hob i scho alles ghabt“) bevölkert.

Viele verbringen ihr Leben im Tschocherl: Im Simmeringer Gasthaus Stefan etwa gibt es einen fußmaroden Stammgast, der in der Früh von seiner Frau ins Tschocherl gefahren wird - und bis zur Sperrstunde bleibt.

Das Personal ähnelt dem aus Elizabeth T. Spiras "Alltagsgeschichten“. Aber während die Kamera die Menschen dazu verführt, sich bloßzustellen, kommen sie im "Tschocherl-Report“ sympathisch rüber. Als Helden eines Alltags, von dem die Bobos der Stadt nichts mitkriegen. Es sei denn, sie begännen damit, den Augustin nicht nur zu kaufen, sondern auch zu lesen.


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