Nüchtern betrachtet 

Möglicherweise leide ich am Mouchette-Syndrom

Feuilleton | aus FALTER 11/13 vom 13.03.2013

Ein schöner dialektischer Trick, sich gegen die Originalitäts- und Individualitätsimperative zu wappnen, denen wir ständig ausgesetzt sind, besteht darin, seine ganz persönlichen Rituale zu pflegen. Auf diese Weise kann man immer wieder dasselbe tun, dabei aber sowohl ganz man selbst als auch sozial anschlussfähig bleiben. Ich zum Beispiel schaue mir immer wieder dieselben Filme an, wenn diese alle heiligen Zeiten wieder ins Kino kommen, versuche aber auch andere, mir liebe Menschen zu animieren, mich zu begleiten. Man nennt das Erziehung. Die Nachhaltigkeit dieser Anstrengung ist freilich endend wollend, da mein pädagogischer Eros nicht alle gleichermaßen zu affizieren vermag. Zwar beteuern alle, dass "Mouchette“ ein toller Film sei, weigern sich aber schon wenige Jahre nach der Erstsichtung, einen dermaßen hammermäßig deprimierenden Film noch einmal anzusehen. Den Hinweis "Dann solltest du dir erst einmal, Zum Beispiel Balthazar‘ oder, Tagebuch eines Landpfarrers‘ ansehen“

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