Logbuch

Und dann mit Tiramisu gefüttert werden

Kolumnen | Doris Knecht | aus FALTER 11/13 vom 13.03.2013

4.3., 8.30 Uhr. Das Ergebnis in Kärnten bestätigt meine alte Theorie, dass, eigentlich egal, wo, immer ungefähr ein Viertel oder ein Drittel der Wähler im Prinzip nicht satisfaktionsfähig ist. Das Problem ist, dass sich die Politik zu oft nach diesem Drittel richtet, anstatt zu sagen: Gut, euch gibt’s eben auch, wir nehmen euch und eure Ängste und eure Ressentiments zur Kenntnis, aber wir werden trotzdem weiter vernünftige Sachpolitik machen, die auch euch nützt. Jedenfalls wendet sich der Teil des Viertels, das die Rechten nun doch nicht mehr so geil findet, jetzt augenscheinlich Stronach zu. Ich meine: Stronach. Man konnte Stronach sehen, man konnte Stronach zuhören, man konnte sich mit Stronachs Ideen, Weltanschauung und Politikverständnis ausführlich beschäftigen: Wie, um Himmelswillen, kann man dann ernsthaft Stronach wählen?

11.45 Uhr. Dr. A. schilt mich auf Facebook; es sei nicht okay, eine Wählergruppe Idioten zu heißen. Ich finde die Bezeichnung eigentlich noch zärtlich.

5.3., 6.30 Uhr. Es ist endlich wieder hell, wenn man aufwacht in der Früh.

20.54 Uhr. Der Versuch, den Herrn aus der Band mit dem Dreiwortnamen zu finden, der mich vor zwei Wochen von der Straße auflas, ist bislang gleichermaßen gescheitert wie mein Begehr, mich wieder an den Namen seiner Band zu erinnern. Der Candy Beat Club, der an jenem Abend im Chelsea gastierte, winkt ab: Nein, von ihnen war’s keiner, aber alles Gute. Danke, euch auch.

6.3., 10.30 Uhr. Die Bitte um einen möglichst eleganten Gehgips wird von den Herrschern des wilhelminischen Gipsraums mit ausgelassenem Gelächter kommentiert. Na, sicher doch! Sind aber sehr nett, die Herren, auch wenn der Haxen, den ich dann mit nach Hause schleppe, ungefähr 20 Kilo wiegt und aussieht, als sei er in die Hände von Erwin Wurm gefallen. Fat Foot. Immerhin: Ich kann wieder gehen, oder etwas annähernd Ähnliches, das mich ohne fremde Hilfe und mit zumindest einer freien Hand weiterbringt. Es reicht jedenfalls, um nach Salzburg fahren zu können.

7.3. 23.30 Uhr. Wahnsinnig nette Menschen auch in Salzburg. Sie holten mich vom Zug ab, sie boten mir ihren Arm, fütterten mich mit belegten Brötchen und Sommerspritzern, setzten mich dann im Literaturhaus vor einen Saal voll mit freundlichen Menschen, fuhren mich zurück zum Bahnhof und fütterten mich, während sie mit mir auf den Zug nach Wien warteten, erneut, diesmal mit Tiramisu. Aus dem Speisewagen winkten mir beim Einfahren des Railjets schon die Barmänner zu und die kümmern sich jetzt so fürsorglich um mich wie nun schon seit zwei Wochen der reizende und beinah schon verstörend langmütige Lange. Während ich, den Fat Foot vor mir auf dem Tischerl, in die schwarze Nacht starre und die neue John Grant höre ... So oder so ähnlich könnte das Leben von mir aus immer sein. F

Doris Knechts neuer Roman "Besser“ ist soeben bei Rowohlt Berlin erschienen.


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