"Sie war eine Rebellin"

Direktorin Ingried Brugger über die Werkschau zu Meret Oppenheim im Kunstforum

Lexikon | Interview: Nicole Scheyerer | aus FALTER 11/13 vom 13.03.2013

Als Künstlerbewegung hatte der Surrealismus einen hohen Frauenanteil, aber die Surrealistinnen sind heute kaum bekannt. Meret Oppenheim schuf mit ihrer Pelztasse ein ikonisches Werk des 20. Jahrhundert - und fiel danach in eine tiefe Krise. Anlässlich ihres 100. Geburtstags findet im Bank Austria Kunstforum eine Überblicksschau zu Oppenheims breitem Werk statt, das sich in kein Schema pressen lässt.

Falter: Bei Meret Oppenheim kann man nicht umhin, nach "Frühstück im Pelz" zu fragen. Haben Sie versucht, diese berühmte Arbeit auszuleihen?

Ingried Brugger: Natürlich haben wir das mit dem Museum of Modern Art in New York besprochen. Wir sind aber übereingekommen, dass die "Pelztasse" zum 100. Geburtstag der Künstlerin in ihrem Stammhaus präsentiert werden soll, zudem es eines der Gründungswerke des Museums selbst ist. Der Gründungsdirektor Alfred J. Barr hat es direkt aus der "Exposition Surréaliste d'Objets" in der Pariser Galerie Charles Ratton herausgekauft.

Von Oppenheim kennt man nichts anderes als die "Pelztasse": ein früher Hit als Fluch?

Brugger: Ja, sie hat eine solche Übermacht entwickelt, dass sie den Blick auf das Gesamtwerk verstellt hat. Keine Auflistung der wichtigsten Kunstwerke des 20. Jahrhunderts kommt ohne die "Pelztasse" aus. Wir überwinden diese einseitige Rezeption mit unserer Retrospektive.

Es gab bereits Retros der Künstlerin. Welche neuen Erkenntnisse und Interpretationen liefert Ihre Schau?

Brugger: Mir war wichtig, das assoziative Zusammenspiel der verschiedenen Medien zu zeigen, insbesondere, wie bei Oppenheim Bild und Text ineinanderspielen. Auch hat mich fasziniert, wie zeitgenössisch das Werk in seinem Pluralismus ist, aber auch in seinem Misstrauen gegenüber vermeintlichen Wahrheiten und Sicherheiten. In ihrer rebellischen, nonkonformistischen Haltung ist Oppenheim Vorbild bis heute.

Wie stand sie zum Surrealismus, der sexistisch und auch frauenfeindlich war?

Brugger: Die Surrealisten rund um André Breton ermöglichten Künstlerinnen, mit ihnen auszustellen, so auch Oppenheim. Gleichzeitig hat die zweifelhafte Glorifizierung der Frau als Femme fatale, Kind-Frau oder Muse und so weiter zu realen Schaffenskrisen dieser Frauen beigetragen.

Bei Oppenheims "Frühlingsmahl" 1959 aßen die Gäste vom nackten Körper einer jungen Frau. War das eine Performance?

Brugger: Angelegt als Abendessen im kleinen Kreis, knüpfte das "Frühlingsmahl" an archaische Fruchtbarkeitsrituale an. Breton drängte Oppenheim zu einer Wiederholung des Festes anlässlich der "Exposition Internationale du Surréalisme" in der Pariser Galerie Cordier. Für sie war dabei allerdings der Sinn des kleines Festes durch die spektakulär-barocke Inszenierung und den Voyeurismus verlorengegangen.

Androgynität spielt für Oppenheim eine wichtige Rolle. War sie Feministin?

Brugger: Sie begriff sich als gesellschaftskritische Künstlerin, die gegen ein festgelegtes Rollenverständnis rebellierte, nicht aber als feministische Künstlerin. Sie sagte einmal: "Große Kunst ist immer männlich-weiblich."

Welche Bedeutung hatte C.G. Jungs Psychoanalyse für sie?

Brugger: Eine sehr große. Sie war bedeutsam für ihre Vorstellung von einer "Androgynität des Geistes" sowie für ihre Auffassung, dass Künstler bereits Bestehendes, kollektiv Unbewusstes empfangen, ausführen und damit für die Menschheit sichtbar machen.

Vor allem Oppenheims Skulpturen sind bekannt. Wie entwickelte sich ihre Malerei?

Brugger: Ihr erstes Gemälde "Selbstporträt ohne Gesicht" entstand 1933, es ist fast absichtlich dilettantisch. Es ist bei ihr nie eine lineare Entwicklung festzustellen, in keinem Medium. Von ästhetisch besonderer Qualität waren ihre großformatigen Darstellungen des Unsichtbaren.

Sind auch Oppenheims Mode- und Schmuckentwürfe zu sehen?

Brugger: Ja, wir zeigen die erotischen ebenso wie die makabren Schmuckentwürfe, die sie teils für die Designerin Elsa Schiaparelli anfertigte. Dazu kommen noch nie präsentierte Schmuckausführungen aus den 1930er-Jahren, etwa eine Halskette aus zusammengesetzten Knöchlein.

Bank Austria Kunstforum, 21.3. bis 14.7.


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