Theater Kritik

Zwei kurze Stücke über die Liebe

Lexikon | aus FALTER 11/13 vom 13.03.2013

Der russische Dramatiker Iwan Wyrypajew, 39, ist in Wien kein Unbekannter. Bei den Festwochen war unter anderem sein poetisches Textkonzert "Sauerstoff"(2004) zu sehen, im Schauspielhaus sein unsentimentaler Massenmördermonolog "Juli" (2008). Ebenda steht jetzt die österreichische Erstaufführung seines Stücks "Illusionen" auf dem Spielplan. Die Figuren haben englische Namen, und die Form ist sichtlich von Erzähltheaterformaten inspiriert, wie man sie von der britischen Gruppe Forced Entertainment kennt.

Erzählt wird die Geschichte von zwei befreundeten Ehepaaren: Danny und Sandra, Albert und Margret. Sie alle sind weit über 80 und müssen am Ende ihres langen Lebens feststellen, dass ihr Liebesglück womöglich eine Illusion war. Als nach Dannys Tod auch seine Witwe Sandra im Sterben liegt, eröffnet sie Albert, insgeheim immer nur ihn geliebt zu haben. Worauf dieser erkennt, dass auch er eigentlich die falsche Frau geheiratet hat, und so weiter.

Die vier Akteure (Barbara Horvath, Melanie Kretschmann, Steffen Höld und Thiemo Strutzenberger) sind mehr Erzähler als Spieler. Während einer spricht, kommentieren die anderen die Erzählung durch übertriebene Gesten oder kleine Kunststücke. Nadia Fistarols Bühne hat etwas von einer Manege; Regisseurin Felicitas Brucker inszeniert den virtuos konstruierten Text wie eine große Zirkusnummer. Die Übung ist gelungen.

Nach der Pause zeigen dieselben Schauspieler ein anderes schwarzes Liebesdrama, "Gier" von Sarah Kane, das vorletzte Stück der englischen Autorin, die 1999 im Alter von 28 Jahren Selbstmord beging. Es enthält wunderschöne Liebeserklärungen, aber auch verzweifeltes Liebesleid, es ist zärtlich und aggressiv, bitter und komisch zugleich. Formal ist "Gier" geschriebene Kammermusik für vier Stimmen. Die Inszenierung ist so liebevoll, das zu respektieren. WK

Schauspielhaus, Mi, Do 20.00


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