Kunst Kritik

Emotionen in der Kunst, gestern und heute

Lexikon | aus FALTER 11/13 vom 13.03.2013

Schock, Melancholie, Liebe, Trauer, Sehnsucht, Leid, Zorn, Einsamkeit, Erregung: So lauten die Ausstellungskapitel, wenn sich die Kunsthalle Krems in ihrer aktuellen Schau "Große Gefühle" auf die Fahnen schreibt. Die Leihgeber der Ausstellung können sich sehen lassen, wurden doch zeitgenössische Arbeiten der Turiner Privatsammlung Collezione Sandretto Re Rebaudengo mit Werken aus dem Kunsthistorischen Museum in Wien zusammengespannt. Das sieht dann etwa so aus, dass ein von Veronese um 1565 gemalter Heiliger Sebastian in der Sektion "Leid" auf Fiona Tans Videoinstallation "Saint Sebastian" trifft, in dem sie 2002 einen traditionellen Pfeilschusswettbewerb in Kyoto gefilmt hat. Den Auftakt der Ausstellung macht der "Schock" mit Hans Peter Feldmanns großer Installation "9/12 Frontpage", bei der er internationale Zeitungscovers vom Tag nach dem Anschlag auf die Twin Towers gesammelt hat. Diese konzeptuelle Arbeit trifft wiederum auf Barockgemälde, in denen Massaker dargestellt werden.

Die Idee, alt und neu nach motivischer Ähnlichkeit zu kombinieren, wird auf den Kunsthistoriker Aby Warburg und dessen Theorie der Pathosformeln zurückgeführt. Er hat die gestische und mimische Darstellung des Gefühlsausdrucks in der Antike und der Renaissance verglichen und darin universale Gültigkeiten festgestellt. Aber wird in Krems jetzt gezeigt, wie die Wanderung klassischer Affektgebärden in die Gegenwart funktioniert? Leider nicht, denn darum bemüht sich die Schau nur ansatzweise. Wichtiger ist dann doch die niedrige Schwelle, für die etwa Kaiserin Sisis Trauerrobe oder ein skurriler Ritterrüstungshelm her muss. Auch wer die moderne Kunst nicht mag, wird bedient, so scheint das insgeheime Motto zu lauten. Und dafür verleiht das Kunsthistorische sogar zwei Tizians. NS

Kunsthalle Krems, bis 30.6.


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