Vor 20 Jahren im Falter  Wie wir wurden, was wir waren

Guglhupftum

Falter & Meinung | aus FALTER 12/13 vom 20.03.2013

Es war wohl eine späte Frucht unserer Auseinandersetzung mit Günther Nenning, dass in diesem Falter eine Nachbetrachtung zum Lichtermeer aus seiner Feder erschien, die so endete: "Fürs Handeln (Pro) ist das Denunzieren (Anti) ein bequemer und traditioneller linker Ersatz. Die österreichische (und auch die deutsche) Gesellschaft ist auf dem Knackpunkt, so heißt das neustark-deutsch, wo sie ohne einen inneren Feind (für die Linken, der Haider‘, für die Rechten, die Linken‘) nicht auskommt. Eine Gesellschaft, die eines inneren Feindes, Krampus, Teufels bedarf, ist unterwegs zum Bürgerkrieg, nicht zur Demokratie. Die positive Essenz von Politik ist die Aufhebung des Freund-Feind-Verhältnisses. Demokratie sei eine Staatsform für Götter, seufzte Rousseau. Also gut, dann müssen wir halt Götter sein. Es bleibt uns nichts mehr anderes übrig.“

Blickte Nenning zurück, blickte der Kolumnist nach vorn, auf das dräuende Millenniumsjahr. 1000 Jahre Österreich. Geplant waren zu diesem Zeitpunkt zwecks Anhebung des Österreich-Images von einer Arbeitsgruppe erfahrener Touristiker so schöne Dinge wie Begrüßungstafeln an den Einfallsrouten, Sondermarken, Traditionskleidung für Verkaufs- und Servierpersonal und viele andere Maßnahmenpakete. Darunter auch die Durchsetzung des Guglhupfs als Symbol. Da jubelte der Kommentator: "Genau. Was wir brauchen, ist Guglhupf-Freiheit und Guglhupf-Vielfalt. Auf die Variationen kommt es an. Schafft ein, zwei, viele Guglhupfe. Eine Guglhupf-Hymne! Eine Briefmarke! Einen Stempel! Stempelt die Touristenausweise voll mit Guglhupfen! Österreichtum ist Guglhupftum.“

Von so vielen Rufzeichen konnte man sich bei Klaus Nüchtern erholen, der eine Debatte über den Dokumentarfilm anzettelte, indem er Toni Spiras Waldviertler "Die verflixten Nachbarn“ und Ulrich Seidls "Mit Verlust ist zu rechnen“ einander gegenüberstellte. "Hätten die Kritiker andere Sorgen, als ihre moralische Autorität unter Beweis zu stellen“, könnte Seidls Film, obgleich "ästhetisch missglückt“, den Anstoß zu so einer Debatte liefern. AT


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